BÜRGERWACHE: Vortrag über das "Cradle to Cradle"-Konzept
VON ROUVEN RIDDER
"Alle Ameisen zusammen besitzen eine größere Biomasse als die Menschheit. Und dennoch hinterlassen sie keinen Müll." Mit diesem plakativen Vergleich erläuterte Stephan Labrentz die Notwendigkeit des Umdenkens bei der Produktion von Gütern.
Labrentz und seine Studienkollegen Marcel Bönisch, Luise Schlabach und Franziska Pfennig waren am Dienstagabend zu Gast in der Bürgerwache, auf Einladung des Vereins "Transition Town Bielefeld". Dort referierten die Studierenden der Fakultät für Wirtschaftspsychologie über das Prinzip "Cradle to Cradle".
Abgewandelt von der englischen Redewendung "From the cradle to the grave..." (deutsch: "Von der Wiege bis ins Grab...") steckte bereits viel von der Idee in diesem sprachlichen Bild. In einer Welt, in der Ressourcen ständig knapper würden, müsste die Herstellung von Waren von Anfang an umgedacht werden.
Ressourcen im ständigen Kreislauf
"Die Materialien", so Labrentz, "müssen sich künftig in einem ständigen Kreislauf zwischen Produzenten und Konsumenten bewegen." Veranschaulicht wurde dies mit einem bereits auf dem Markt befindlichen T-Shirt, das vollkommen biologisch abbaubar ist. Oder einem Bürostuhl, dessen Einzelteile nach Verschleiß wieder zum Hersteller in die Produktion gelangen.
Mit einem Video wurde der Gedanke des Kreislaufs verdeutlicht:
Die Ähnlichkeit zum Recycling-Konzept schien zunächst deutlich, wurde aber von den Studierenden bestritten: "Es geht hier nicht um Abfallvermeidung oder darum, möglichst wenig Schaden anzurichten." Es ginge vielmehr darum, von Anfang an im Hinblick auf den Nutzen zu produzieren.
"Wir sollten nicht versuchen, möglichst weniger schlecht zu sein, sondern mehr gut", unterstrich Stephan Labrentz das Umkehr-Prinzip.
Neues Material muss selten gekauft werden
Aus dem Publikum kam die Frage auf, ob es denn im Interesse eines Unternehmers sein könne, auf diese Weise herzustellen. Schließlich könne er dann keine große Stückzahlen verkaufen. Dem wurde aus der Studierendengruppe entgegnet, dass die Kostenersparnis bei den Materialien sehr hoch sei, da diese sich im Kreislauf befänden. Darüber hinaus sei der Imagegewinn seines solchen Unternehmens nicht zu verachten.
Die Erfinder des "Cradle to Cradle"-Konzepts, die Professoren Michael Braungart und William McDonough, stünden Unternehmern, die diesen Schritt wagen wollen, mit Ideen und Zertifikaten zur Seite. "Ideen sind natürlich nicht geschützt. Jeder kann das selbst, wenn er das entsprechende Know-How besitzt", ergänzte Stephan Labrentz. Die von Braungart und McDonough gegründete Firma EPEA hätte aber das hierfür notwendige Wissen. "Denn es ist ganz schön harte Arbeit, dieses Konzept umzusetzen."
Das Publikum im vollbesetzten Saal der Bürgerwache symphatisierte weitestgehend mit den Ideen. "Langfristig gesehen sind Produzenten sogar zum Umdenken gezwungen", lautete eine Stimme. Es gab zwar auch Skepsis: Wie sollte beispielsweise ein hochtechnologisches Gerät wie ein LCD-Fernseher in einen solchen Kreislauf eingeführt werden können?
Doch Stephan Labrentz wusste auch darauf eine Antwort: "Da ist wieder der Recycling-Gedanke. Aber auch die Herstellung dieser Art Technik muss von Anfang an neu konzipiert werden."
Die Studierenden gehören der weltweit tätigen, unpolitischen Non-Profit-Organisation "Students in Free Enterprise" (SIFE) an.
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