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24.11.2011
BIELEFELD-MITTE
Kommt ein Schwein zu Wort
BÜRGERWACHE: Am Freitag wird ein halbszenisches Live-Hörspiel aufgeführt
VON ANKE GROENEWOLD

Experimentierfreudig | FOTO: OLIVER KRATO

Bielefeld. Sitzen zwei Männer in Arbeitsanzügen auf Strohballen. Auf dem Kopf tragen sie mit Liebe zum Detail gehäkelte Schweinemasken. "Grunzen wie ’ne ordentliche Sau, dafür war er sich zu schade", lästert einer in Pseudo-Platt. Gemeint ist Herold. Ein Schwein, das sich lieber in Worten als im Dreck suhlt. Das einen Platz in der Literaturgeschichte einnehmen will und nicht auf einer Speisekarte.

Herold ist der Held des halbszenischen Live-Hörspiels "Memoiren eines Münsterländer Mastschweins", das am kommenden Freitag in der Bürgerwache am Siegfriedplatz uraufgeführt wird. Halbszenisches was?

Der Regisseur Matthias Harre und der Autor Jürgen Buchmann haben’s erfunden. Im Juli gab es eine erste Kostprobe mit "Wird in Afrika Irisch gesprochen?". Dieses Live-Hörspiel basierte auf einem skurrilen wissenschaftlichen Aufsatz aus dem 19. Jahrhundert.

Ein Schwein beschließt, Literat zu werden

Diesmal soll die irrwitzige Geschichte eines Schweins erzählt werden, das beschließt, Literat zu werden, "um das Wort zu Fall zu bringen". Und so sieht es aus: An die Wand projizierte, wunderschöne und witzige Illustrationen von Isabel Wienold verankern die Geschichte visuell und zeigen wichtige Momente im Leben des schlauen Schweins, das auf dem Hof von Bauer Diekmannshemke seinen Anfang nimmt.

Davor liegen Strohballen und andere ländliche Requisiten. In der Szenerie sitzt der Philologe und Philosoph Jürgen Buchmann, der in lustvoll-melodischem Singsang die Memoiren des ambitionierten Vierbeiners vorträgt.

Die Schauspieler Friedrich Brünger und Bernhard Göbel spielen unter anderem den kommentierenden griechischen Schweine-Chor – gerade das Pseudo-Plattdeutsch, das sie sprechen, sei eine besondere Herausforderung, erzählt Darsteller Bernhard Göbel.

Sounds erzeugen Kopfkino

Regisseur Matthias Harre ist im weltweiten Netz auf Geräusche-Jagd gegangen. Vom Computer aus spielt er punktgenau Sounds ein, die beim Zuhörer das Kopfkino in Gang setzen: Schweine quieken und grunzen, ein Hahn kräht, ein Traktor röhrt, Jagdhörner tuten.

Auch Comic-Geräusche lösen Bilder im Kopf aus. Multitalent Harre hat übrigens auch die "rosig beflaumten" (Jürgen Buchmann) Schweinemasken gehäkelt.

Nachdem das sprachmächtige und bildungshungrige Schwein aus seinem Heimatstall geflohen ist, erlebt es auf der Flucht Abenteuer in den ostwestfälischen Wäldern. Es trifft auf ungarische Schweinespeckfreunde, den französischen Clown Jean Paul und Gilead IV., den Kaiser von Bethel. Zum großen Showdown kommt es vor dem Eberstufenkolleg.

Live-Hörspiel mit tierischem Spaß

Ein erster Blick in die Proben zeigt: Das schräge Live-Hörspiel dürfte ein tierischer Spaß werden. Köstlich ist allein schon der gespreizte, hohe Ton des Dichter-Schweins, das "sich einer zierlichen Rede zu befleißigen wusste". "Es spricht gestochen wie Felix Krull", sagt Jürgen Buchmann. Die geschliffenen "Memoiren", mit denen Buchmann die Farben und den Reichtum der Sprache feiern möchte, ist auch ohne geisteswissenschaftliches Studium zu genießen. Aber für Kenner hat Buchmann literarische Anspielungen eingebaut, unter anderem auf Augustinus, Rousseau, Eichendorff, Thomas Mann, Gombrowicz.

Das Schwein auf der Flucht tauchte erstmals in Buchmanns "Hermannsverfinsterung" (2008) auf. "Es war die komplexeste Figur in dem Buch", sagt er lächelnd, "ein maniriertes, abgründiges Wesen mit mystischen Neigungen. Ich habe es liebgewonnen." Also kam dem 66-Jährigen die Idee, über Herolds "Wanderjahre" zu erzählen. Fortsetzung nicht ausgeschlossen.

Die Uraufführung


• "Memoiren eines Münsterländer Mastschweins" am Freitag, 25. November, und Donnerstag, 1. Dezember, jeweils 20 Uhr, Bürgerwache am Siegfriedplatz. Es gibt einen westfälischen Begrüßungshappen.

• Karten an der Abendkasse oder im Vorverkauf im Antiquariat in der Arndtstraße.

• Die Macher haben mehrere Anfragen aus OWL bekommen, so dass sie mit dem Stück "auf Tournee" gehen werden.

• Sowohl Jürgen Buchmanns "Wird in Afrika Irisch gesprochen?" als auch die "Memoiren eines Münsterländer Mastschweins" werden im Frühjahr in Buchform erscheinen.


Kommentare
Wer Jürgen Buchmann kennt, der weiß:
Das wird ein literarischer Leckerbissen!


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