LEBEN IM WESTEN: Zen-Mönch und Anhänger betteln und meditieren eine Woche auf Bielefelds Straßen - und im Bürgerpark
VON KATHARINA VOKOUN
Bielefeld. Fünf Tage wie ein Obdachloser auf der Straße leben. Handy, Geld und Kreditkarten abgeben. Und das alles freiwillig. Auf dieses Experiment lassen sich seit Samstag vier Frauen und drei Männer in Bielefeld ein. Ausgerüstet nur mit Personalausweis und der Kleidung, die sie am Körper tragen, erbetteln sie sich Essen, Decken und Schlafplätze.
Straßen-Retreat nennt sich die Aktion, bei der die Teilnehmer alle Annehmlichkeiten und Sicherheiten zurücklassen. Übersetzt bedeutet "Retreat" Einkehr. Auf die Idee, eine spirituelle Ruhepause auf der Straße zu finden, kam der amerikanische Zen-Mönch Claude Thomas. Er reiste nach Bielefeld, um die Teilnehmer bei dem Retreat zu begleiten, mit ihnen zu meditieren und ihnen den buddhistischen Weg nahe zu bringen.
Laut Thomas erhalten die Teilnehmer durch das Straßenleben eine neue Sicht auf die materielle Gesellschaft. "Einem wird bewusst, wie wenig man zum Leben braucht." Wer viel besitzt, müsse sich darum Sorgen machen. Ohne Reichtümer, sei das Leben oft einfacher.
Den Geist erweitern und eine neue Welt kennenlernen
Der Mönch betont, dass der Straßen-Retreat nicht dazu diene, Obdachlosigkeit zu imitieren. Vielmehr gehe es darum, auf der Straße eine neue Welt kennen zu lernen und den eigenen Geist zu erweitern.
Als Selbsterfahrung sieht die Bielefelderin Sonja Sterner die Aktion. Als Schwangerschafts- und Wochenbettbegleiterin habe sie einen durchorganisierten Tag. Dass diese Struktur während des Straßen-Retreats wegbricht, findet Sterner spannend. "Es ist für mich ungewohnt, nicht zu wissen, was ich beispielsweise heute Nachmittag mache. Aber ich möchte mich auf die Ungewissheit einlassen."
Auch der materielle Verzicht, sei für sie eine Herausforderung. Nur mit Hose, T-Shirt, Wollpullover und Jacke bekleidet startete sie das Straßenleben.
Eine Decke hat sie sich mittlerweile in einem Hotel erbettelt. In Läden und Restaurants bitten sie und die anderen Teilnehmer jeden Tag um Essen und Getränke. Die Nacht verbringen sie im Freien. Der Schlafplatz ist durch ein Dach vor Regen geschützt. Wind und Kälte müssen die Teilnehmer jedoch ertragen.
Die Matratze wird ersetzt durch einen auseinander gefalteteten Pappkarton. Dusche, Kamm und Zahnbürste gibt es nicht. Und so sind Sterners blonde Haare mittlerweile stumpf und stehen wirr zu Berge.
Freude über Kleinigkeiten
Trotz der Unannehmlichkeiten vermisse sie nichts. "Ich habe gelernt, die kleinen Dinge zu schätzen und bin bescheiden geworden." Über Kleinigkeiten freue sie sich dann um so mehr. So wird ihr die Meditationsstunde vom Sonntagmorgen im Gedächtnis bleiben, als gegen acht Uhr plötzlich eine Frau mit einem Frühstückstablett aus ihrem Haus kam und die Gruppe zum Essen einlud. "Sie war glücklich, weil sie uns eine Freude machen konnte", sagt Sterner.
Doch nicht immer kommen die Teilnehmer so leicht an Essbares heran. Seine Lust auf Popcorn konnte Claude Thomas beispielsweise am Montag erst nach drei Bettelgängen im Kino stillen.
"Ich hatte mir das Betteln leichter vorgestellt", gibt auch Sterner zu. Anfangs sei es ihr schwer gefallen, mit der Ablehnung umzugehen. "Aber man gewöhnt sich daran."
Die neue Wertschätzung möchte sich Sterner auch über die Straßenaktion hinaus erhalten. "Beim nächsten Regen werde ich mich bestimmt an den Retreat erinnern und dann dankbar für das Dach über meinem Kopf und über meine warme Decke sein." Denken werde sie dann aber auch an die Menschen, denen dieses Glück nicht vergönnt ist.
Heute Nachmittag endet das Retreat. Zurück in ihrem Zuhause wird Sonja Sterner jedoch nicht gleich E-Mails checken und den Fernseher einschalten. Wichtig seien für sie erst einmal ganz elementare Dinge: "Duschen und Zähne putzen."
Herzlichen Dank für den schönen Artikel. Ich war ebenfalls ein Teilnehmer des Strassen-Retreats. In meinem Blog habe ich inzwischen einen ausführlichen Erfahrungsbericht veröffentlicht: Link unterdrückt
Allerdings empfand ich Deinen persönlichen Kommentar in der Zeitung als klein wenig sarkastisch und einen Tick zu oberflächlich. Möglicherweise hilft Dir mein Erfahrungsbericht, tiefere Einblicke zu gewinnen. Ich kann allerdings Deine Sicht der Dinge dennoch gut verstehen - denn auch ich hatte vor der Anmeldung meine Zweifel und Hinterfragungen.
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Herzlichen Dank für den schönen Artikel. Ich war ebenfalls ein Teilnehmer des Strassen-Retreats. In meinem Blog habe ich inzwischen einen ausführlichen Erfahrungsbericht veröffentlicht:
Link unterdrückt
Allerdings empfand ich Deinen persönlichen Kommentar in der Zeitung als klein wenig sarkastisch und einen Tick zu oberflächlich. Möglicherweise hilft Dir mein Erfahrungsbericht, tiefere Einblicke zu gewinnen. Ich kann allerdings Deine Sicht der Dinge dennoch gut verstehen - denn auch ich hatte vor der Anmeldung meine Zweifel und Hinterfragungen.
Liebe Grüsse aus der Schweiz
Remo