LEBEN IM WESTEN: Christopher-Street-Day lockt tausende Zuschauer in die Stadt - und auf den Siggi
Mitte. Die sind veranlagt, sagte man früher. Verschämt, hinter vorgehaltener Hand. Heute ist man schwul oder lesbisch, bi, oder irgendwas dazwischen. Und man zeigt es gern. Am Samstag sind sie wieder durch Bielefelds Straßen gezogen: Männer und Frauen, die nicht nach dem Vater-Mutter-Kind-Schema leben und lieben. Eine Parade für die sexuelle Freiheit. Ist das im Jahre 2011 wirklich noch nötig? Ja, dringend, sagen Veranstalter und Besucher des 16. Christopher-Street-Day in der Bielefelder Innenstadt.
Die Gesellschaft ist toleranter geworden, heißt es. Das spiegelt sich unter anderem in der Gesetzgebung wieder. Schwule und Lesben werden nicht mehr politisch verfolgt, das Coming out bedeutet nicht mehr per se gesellschaftliche Ächtung, sie dürfen heute heiraten. Von Gleichstellung könne aber noch keine Rede sein, sagt Friederike Vogt vom veranstaltenden Netzwerk lesbischer und schwuler Gruppen in Bielefeld.
In Sachen Steuer- und Erbrecht gebe es Nachholbedarf. In der katholischen Kirche sei Homosexualität ein Kündigungsgrund. In streng religiösen Familien ein Tabu.
Bruch mit der Familie
Manuela Loos hat so eine traurige Geschichte zu erzählen. Eng an ihre Freundin Anja Gahn geschmiegt sitzt sie auf der Rathaustreppe. Sie hat mit ihrer Familie gebrochen, sagt sie. "Was haben wir nur aus dir gemacht?", hatten Mutter und Vater beklagt. "Sie haben das, was ich bin, nicht lieben können", sagt Manuela Loos. Zeit, für die junge Frau, zu gehen. Während sie erzählt, spricht Bielefelds schwuler Oberbürgermeister Pit Clausen ins Mikrofon.
In Bielefeld sei Vielfalt willkommen, hier werde jede Liebe respektiert, sagt er und die Zuschauer klatschen. In der Tat habe sich viel getan, sagt Michael Schoenke. Mit Freunden hat er es sich auf dem Siegfriedplatz, dem Ziel der Parade, gemütlich gemacht.
Als er anno 1983 in Bielefeld nach einer Wohnung für sich und seinen Partner gesucht habe, sei das noch schwierig gewesen. "Das ist heute kein Problem mehr."
Im Gegenteil, verrät ein schwuler Mann auf dem Siggi, verschaffe ihm seine Sexualität nur Vorteile. Die Damen finden ihn putzig, die Heteros, die er dezent anflirtet, fühlen sich geschmeichelt. Es sei eben auch entscheidend, wie man damit umgeht.
Als Witwen auf dem Siggi
Sehr offensichtlich tun das die Herren Damen vom "Herzenslust-Team" der Bielefelder Aidshilfe. Als Witwen verkleidet stöckeln sie in der Parade mit, belustigen später auf dem Siggi die Zuschauer mit provokanten Liedern übers Anderslieben.
Das Motto hieß "Geoutet" | FOTO: BARBARA FRANKE
Männer in Fummel – das ist ganz niedlich, aber schocken tut das keinen mehr. Warum also quetschen sie immer noch die Füße in unkomfortable Absatzschuhe? "Das ist die extremste Form des Coming out", sagt Oliver Schulte, Projektleiter "Herzenslust". Des sich bekennen müssen. In einer Gesellschaft, in der Heterosein vorausgesetzt wird. Und die immer noch erschrocken innehält, wenn die neue Arbeitskollegin auf dem Betriebsfest eine Frau als Partnerin präsentiert.
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