Bielefeld. Da schleicht sich das allsonntäglich zu hörende "Tatort"-Thema von hinten an Guldas Cellokonzert heran, klopft an, lässt die Tür knatschen und vergreift sich am musikalischen Opfer. Die Bühne wird zum Tatort, der "Tango de la Muerte" zum Todesurteil, Piazzollas "Libertango" zum Retter der schon totgesagten Klassik.
Angelika Bachmann (1. Geige), Iris Siegfried (2. Geige), Sonja Lena Schmid (Violoncello) und Jennifer Rüth (Flügel) locken auch den letzten Klassik-Muffel vom (Fernseh-)Sofa, um ihm auf äußerst charmante, amüsante – und bisweilen akrobatische Weise – zu zeigen, dass ein Streich- beziehungsweise Klavierquartett alles andere ist als ein musikalisches Artenschutzgebiet für Klassik-Intellektuelle.
Sie nehmen das Publikum in der (nahezu ausverkauften) Oetkerhalle mit auf eine Kulturen verbindende, musikalische Reise zwischen Okzident und Orient. Bei Salut Salon mündet der "Schwanensee" direkt in die Moldau, an der "schönen blauen Donau" entspringen Debussys "Wasserspiele", die wiederum dem "Türkischen Marsch" den Ton angeben. Chinesische Weisen (und ein 20 Jahre alter Popsong) schauen auf Umwegen in russische "Schwarzen Augen".
Da wird gesungen (auf französisch, englisch, deutsch, russisch, ja selbst chinesisch!), die singende Säge im Duett mit Klavier geschwungen, die Viertelgeige, Ukulele, Flöte und das Akkordeon ausgepackt, musikalisch gezickt, wer denn unter den Damen nun die "erste Geige" spielt, und um die Gunst des "Mannes mit den drei blauen Augen" in der ersten Zuschauerreihe gebuhlt.
Der einzige Mann, der den vier Damen jedoch auf der Bühne Paroli bietet, ist die Handpuppe Oskar, die (von Iris Siegfried in Szene gesetzt) sich berufen fühlt, mit Jennifer Rüth am Flügel den "Liebestraum" zu zelebrieren, um im nächsten Moment den Matador der "Carmen" zu geben und sein Talent am Cello zu beweisen. Köstlich!
Als wahrhaftige Virtuosinnen erweisen sich die vier multiversierten Damen, die ihre Instrumente auch gern mal über Kreuz, auf dem Kopf oder hinter dem Rücken spielen. Immer wieder verblüffend, wie hier technische Beherrschung, absolute Musikalität, kammermusikalische Einheit, ausgeklügelte Arrangements und pointierte schauspielerische Einlagen zusammenfinden – vom Publikum immer wieder mit Bravorufen und tosendem Beifall bedacht.
Zum musikkabarettistischen Höhepunkt kommt es, als Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung" unverhofft zu anschaulicher Lebendigkeit verholfen wird: Die Hexe Baba-Jaga zermalmt hier (akustisch) die Menschenknochen, der "Marktplatz von Limoges" wimmelt nur so von "dummen Gänsen", "eitlen Hühnern" und "Küklein in ihren Eierschalen" und wird zum "Marktplatz der Eitelkeiten". Die Geigen zanken hysterisch, das Küklein (die auf ihrem Stuhl hockende und piepsende Jennifer Rüth!) wird zur Henne und legt schlussendlich noch ein Ei!
Doch was "um alles in der Welt" (so der Name des aktuellen Programms) verbindet das französische Kinderlied "Frère Jacques" mit Bachs "Air", Mozarts "Zauberflöte", Schuberts "Forellenquintett" oder Chopins "Fantasie-Impromptu"? Salut Salon zeigt es. Und als "Bruder Jakob" dann noch der "Ärzte"-Punksong "Zu spät" ins Ohr dröhnt, meint man herauszuhören, dass es auch für die klassische Musik noch nicht zu spät ist. Willkommen Klassik – zurück im Salon!
Am 18. März 2012 gastiert Salut Salon erneut in der Oetkerhalle – dann mit dem neuen Programm. Der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.
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