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20.02.2012
BIELEFELD-MITTE
Unbekannte Schöpferwelten
OETKERHALLE: Musikverein mit englischem Programm
VON MICHAEL BEUGHOLD

Bielefeld. Ja, Briten und Rest-Europa trennt nicht nur der Kanal; auch musikalisch hüllt sich die Insel in "splendid isolation". Selbst die größten nationalen Spätromantiker Elgar und Vaughan Williams sind mit ihrem riesigen Schaffen hierzulande kaum bekannt und präsent.

Mit drei wohl erstmals in Bielefeld zu hörenden Chorwerken dieser beiden wurde nun das zweite Musikvereinskonzert als Mittelstück einer England-Trilogie in Oper (Brittens "Peter Grimes") und (Philharmoniker-)Konzert zu einer veritablen Entdeckungsreise.

Freilich haben unsere Philharmoniker Ralph Vaughan Williams (1872-1958) zum 50. Todestag schon mal einen ganzen Konzertabend mit der grandiosen chorgewaltigen "Sea Symphony" gewidmet. Das mochte noch nachschwingen, wenn sie sich mit mustergültigem Klanggespür in diesen von Musikvereins-Ko-Leiter Bernd Wilden elegant und kapellmeisterlich erfahren dirigierten Abend einbrachten. Zumal die zeitgleich (über sechs Jahre rund um das wegweisende "Nachstudium" 1908 beim Impressionisten Maurice Ravel) entstandenen "Five Mystical Songs" von geschmeidig funkelndem naturlyrischen Fluss und Flair getragen wurden. Torben Jürgens sang sie mit der Ausdruckskraft seiner faszinierend reichen Baritonstimme, voller Klangschattierungen und dynamischer Feinzeichnung. So teilte sich die (vom Chor auch mal summend oder vokalisierend gesäumte) barockdichterische Unio mystica als beeindruckend subtile Stimmungskunst dem Hörer mit.

Weicher, fließender Gesamtklang

Die 40 Jahre jüngere dreiteilige Schöpfungs-Chor-Ode "The Sons of Light" verblasste dagegen ein wenig, auch weil sie orchestral beim Weg aus dem Dunkel zum Licht konventioneller daherkommt. Der Musikverein gab ihr einen weichen, verfließenden Gesamtklang, der beim Abschreiten der zwölf Tierkreiszeichen auch dinglicher formulierte. Ein wohlgefälliges Stück bester englischer Chortradition vor der eindringlichen oratorischen Hauptsache nach der Pause.

Mit "The Music Makers" lernte man Edward Elgar (1857-1934), dessen Bild als Repräsentationsfigur des Empire mit "Pomp and Circumstances" aus lauter unergründlichen janusköpfigen Widersprüchen zusammengekittet ist, so wie er sich selbst sah, kennen: Das 1912 uraufgeführte 40-minütige Werk entwirft, mit Eigenzitaten gespickt, das tönende Bild vom einsamen, Träume träumenden Künstler als dem wahren Weltschöpfer.

Der Schwermut getränkte Vorspann weicht sinfonischer Massierung und Üppigkeit. Aber die drei Leitthemen gehen als nobel-schmiegsame Charaktere ins Ohr, und Bernd Wilden weiß die inspirierte Musik im Klangbild und in den Tempi vorbildlich zu disponieren.

Ein Sog, der süchtig machen konnte

Sein Chor machte als Wir-Titelheld, textverständlicher, prononcierter als zuvor, untadelige Singfigur; die Schwingungsweite zwischen träumerischer Versonnenheit und hochfliegender Vision wurde durchwegs ebenso nuanciert wie zielgerichtet nachgezeichnet. So entfaltete Elgars wehmütig aufgewühlte spätromantische Musik einen Sog, der süchtig machen konnte.

Last but not least war da Melanie Kreuter als zweiter Opernhaus-Liebling, deren Herzenstöne und Kunstverstand in den raumgreifenden Sopran-Soli tief berührten. Die Chormusikfreunde dankten anhaltend für die hochwertige Horizont-Erweiterung; dieser Oetkerhallenbesuch hat sich gelohnt.


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