Bünde. Wunden verheilen, Narben bleiben. So ließe sich Samiras Scheu und Furcht vor Menschen erklären. Seit Jahrzehnten wird die Heimat der kleinen Afghanin vom Krieg geschüttelt. Als das Mädchen vor zwei Monaten ins Bünder Lukas-Krankenhaus kam, klaffte eine faustgroße offene Wunde an ihrem rechten Unterschenkel, der Knochen war so beschädigt, dass eine Amputation drohte. Inzwischen kann Samira wieder laufen, doch das Lachen fällt ihr noch schwer.
Niemand weiß, was der kleinen Patientin in ihrer Heimat zugestoßen ist. Darüber sprechen möchte Samira nicht. Unterlagen gibt es auch keine. Nicht einmal ihr Geburtsjahr ist bekannt. Und auch die Organisation Friedensdorf, die das Mädchen zusammen mit 140 anderen Kindern nach Deutschland brachte, damit sie hier medizinisch versorgt wird, gibt kaum Informationen preis – aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Zu viel Öffentlichkeit könnte für Samira, die im August in ihre Heimat zurückkehrt, gefährlich sein. Die Gewalt am Hindukusch nimmt kein Ende und auch die Lebensbedingungen sind schwierig.
All das ist für das schätzungweise zehnjährige Mädchen in diesen Tagen 6.000 Kilometer weit weg. Als ihr behandelnder Arzt, Dr. Hagen Pannenberg, sie fragt, ob es ihr gut gehe, nickt sie zaghaft mit dem Kopf. "Ihre Wunde ist sehr gut verheilt", erklärt Pannenberg und zeigt auf die noch rötlich schimmernde Narbe am Unterschenkel des Mädchens. Samira litt unter einer zerstörerischen chronischen Knocheninfektion. Nun – sechs Operationen später – braucht sie weder einen Rollstuhl noch Gehhilfen.
Hilfsorganisation rettet verstümmelte Kinder
Dass sie sich darüber freut, zeigt sie allerdings erst, als sich der Rummel um sie herum auflöst und sie mit Krankenschwester Gaby Henke im Zimmer zurückbleibt. Als sie die kleine Afghanin in den Arm nimmt, erntet sie ein Lächeln. Es ist dieser liebevollen Zuwendung zu verdanken, dass Samira sich für kurze Momente öffnet und glücklich scheint. Vor allem die Schwestern unternahmen mit dem schüchternen Mädchen Ausflüge in den Zoo, zeigten ihm Bündes Umgebung und schenkten ihm Sandalen mit Sternenmuster, die es nur auszieht, wenn es schlafen geht.
Rund zwei Monate im Jahr verbringen Mitarbeiter des Friedensdorfes zur Koordination der Hilfseinsätze in Afghanistan. Seit 37 Jahren fliegt die Hilfsorganisation verwundete, verstümmelte oder verbrannte Kinder aus mehr als 40 Kriegs-, Krisen- und Armutsgebieten dieser Welt ins Ruhrgebiet – von dort aus spannt sich ein Netz von fast 300 Kliniken in Deutschland, Österreich und den Niederlanden, deren Direktoren und Ärzte die Kinder – so wie im Lukas-Krankenhaus trotz Gesundheitsreformen und Fallpauschalen kostenlos behandeln. Ermöglicht haben das in Samiras Fall der Krankenhaus-Förderverein und Sparkasse, die zur Behandlung 15.000 Euro beisteuerten.