Kreis Herford. Vom Dienstwagen aufs Fahrrad umgestiegen, macht Jürgen Rüttgers eine sportliche Figur. Ohne Schlips und Kragen, dafür im karierten Hemd und Jeans radelte der Ministerpräsident gestern gemächlich durch den Kreis Herford. Idyllisch, könnte man denken. Doch abgesehen von einem 200-Personen-Tross, der stets bemüht war um die Nähe des wichtigsten Politikers im Land, verhagelte gleich zu Beginn die Realität die sorglose Stimmung.
Rüttgers kommt pünktlich. "Klar", sagt sein Pressesprecher, seine schon traditionelle "Heimat-NRW-Radtour" liege dem Landesvater am Herzen. Viele andere, vor allem Kommunalpolitiker, sind schon da. Seit einer halben Stunde steht eine Selbsthilfegruppe mit Transparenten auf dem Rathausvorplatz in Kirchlengern. Auf dem Rücken ihrer Westen steht: "Geschädigte der Lehman-Zertifikate".
In wenigen Sekunden haben sie Rüttgers umringt und drängen auf Antworten: "Wer zieht die Banken zur Rechenschaft?", "Wo bleibt die Staatsanwaltschaft?" Und natürlich: "Wer gibt uns unser Geld zurück?"
Rüttgers ist Profi, bleibt gelassen, nimmt sich Zeit für Gespräche. Doch wirkliche Antworten hat er nicht. Schon gar nicht solche, die Hoffnung geben könnten. So bleibt die Dame, die 30.000 Euro für die Ausbildung ihres Enkels bei der City-Bank angespart hatte, später mit ihrem Plakat allein zurück. "Na ja, gut, dass er wenigstens zugehört hat", sagt sie.
Nur wenige Schritte weiter drängeln sich zwei Schüler durch den Menschenpulk, der Rüttgers umringt. Sie sind Klassenkameraden von Harut, dem 18-jährigen Jungen, der vor einigen Wochen nach Armenien abgeschoben wurde. Auch sie hoffen auf Hilfe des Ministerpräsidenten. Rüttgers ist über den Fall informiert, verspricht, im Innenministerium das zu tun, was getan werden kann. "Das Problem liegt in den Rechtsvorschriften", sagt er noch. Dann ist es Zeit, sich ins Goldene Buch der Gemeinde Kirchlengern einzutragen.
Bei dieser Gelegenheit vergisst Rüttgers nicht, dass zu betonen, was er schon am Vortag im Sauerland und dem Tag davor in Brühl versichert hat. "Mit Wahlkampf hat diese Veranstaltung nichts zu tun." Man möchte ihm glauben, doch dann laufen die Kameras, wenn er Kindern am Wegesrand den Kopf tätschelt, ihnen Autogramme schreibt und verblüfften Menschen in der Eisdiele einen guten Tag wünscht . So dient die Radelreise vor allem schönen Bildern, die noch in der Sekunde ihrer Entstehung ins Internet gestellt werden. Dort lässt sich die Heimat-Tour des Ministerpräsidenten im Live-Blog verfolgen.
Doch sollte man Rüttgers nicht nur Wahlkampfstrategie unterstellen. Immerhin findet die Reise, die mittlerweile die neunte seit 2001 ist, auch statt, wenn keine Wahlen bevorstehen. Zudem nutzt der Ministerpräsident sie für praktische Anschaffungen, zum Beispiel für den Kauf eines Ledergürtels im Bünder Modehaus, dem er während der 20 Kilometer langen Tour von Kirchlengern über Bünde nach Spenge einen Kurzbesuch abstattet. Geschäftsführer Volker Jährling gibt sich vor dem Besuch entspannt. Ein Journalist fragt ihn, was er denn dem Herrn Ministerpräsidenten schenke. Die Antwort ist klug: "Gar nichts, oder doch, einen erfolgreichen Mittelständler."
Das gefällt Rüttgers. Schließlich steht im Vordergrund seiner Reise durch den Kreis Herford die Standortsicherung der mittelständischen Betriebe. "Es geht mir vor allem um die Probleme, die mich jeden Tag beschäftigen, die Sicherung von Arbeitsplätzen", betont der Politiker. Deshalb schaut er nach der Stippvisite im Modehaus beim Stanztechnik Unternehmen GMA in Bünde-Ahle vorbei und betrachtet Schalldämpfer. Die Wirtschaftskrise hat beim Automobilzulieferer Spuren hinterlassen. Die führten dazu, dass 40 Arbeitsplätze gestrichen werden mussten. "Und das ist noch nicht das Ende", sagt Kai Chatrath vom Controlling. Rüttgers nickt wissend und verspricht, sich auch um dieses Problem zu kümmern. 4.000 Unternehmen habe man schließlich schon aus der Kreditklemme geholfen.
Danach wird die Stimmung wieder sonniger, denn Ziel der Tour ist das Hücker Moor, wo es mit dem Boot auf den See geht. Entspannend wird es trotzdem nicht, auch dort bleiben Kameras hartnäckig dran am rudernden Rüttgers.