Eine Entfernung von bis zu 20 Kilometern zur nächsten geöffneten Apotheke gilt als normal
Bünde. Wer nachts oder sonntags ein Medikament braucht, quält sich meist unter Schmerzen oder vom Schnupfen benebelt in die Notfallapotheke. Manchmal muss er dafür im Bünder Land weit fahren. Im Extremfall ist ein Kirchlengerner eine halbe Stunde unterwegs, etwa dann, wenn die nächste Notdienstapotheke in Rödinghausen liegt. Für NW-Leser Rolf Wilmsmann ist das ein Zustand, den er nicht hinnehmen will.
Nicht nur, weil er selbst nicht bereit wäre, die Kilometer zu fahren. Der Bünder ärgert sich vor allem über eine Aussage einer Apothekenhelferin. Aber dazu später mehr. Erst zur eigentlichen Geschichte. Es ist Samstag, als Wilmsmann vor der verschlossenen Tür einer Bünder Apotheke steht. Der Notfallplan, der im Schaufenster hängt, informiert ihn darüber, dass eine Apotheke im elf Kilometer entfernten Bruchmühlen Dienst hat. Wilmsmann, der selbst mit dem Fahrrad unterwegs ist, verschiebt seinen Apotheken-Besuch. "Es war kein dringender Notfall, ich brauchte das Medikament nicht sofort", sagt er. Doch vor der Apotheke trifft Wilmsmann einen älteren Herrn. "Wie soll ich denn ohne Auto nach Bruchmühlen kommen?", fragt ihn dieser verzweifelt.
Wilmsmann weiß nicht, ob und wie der Herr seine Medikamente bekam. Er selbst geht am darauf folgenden Montag zur Apotheke und spricht eine der Helferinnen auf das Problem an. "Wieso", sagt diese. "Hätte sich der Herr eben ein Taxi nehmen müssen." Für Wilmsmann eine Unverschämtheit. Und auch Apotheker Eberhard Nalop, der den Notdienstplan für das Bünder Land organisiert und im zuständigen Ausschuss der Apothekerkammer sitzt, empfindet die Aussage als "sehr unglücklich".
Doch an dem Umstand, dass ein Bünder gegebenenfalls nach Rödinghausen zur Notfallapotheke fahren müsse, gebe es nichts zu rütteln, sagt er. Fakt ist, dass in dünn besiedelten Gebieten Gemeinden zusammengelegt werden können, deren Ortsmittelpunkte nicht weiter als 20 Kilometer voneinander entfernt sind. So steht es in den Richtlinien der Apothekenkammer Westfalen Lippe. Für mittelstädtische Bereiche wird eine Entfernung von 15 Kilometern genannt, in Großstädten zehn Kilometer. Die jährlichen Dienstpläne werden mit dem zuständigen Amtsapotheker abgestimmt und der Apothekenkammer zur Genehmigung vorgelegt.
Waren die Zeiten früher besser? In gewisser Weise schon, räumt Eberhard Nalop ein. Bis 2004 habe es einen zusätzlichen Notdienst in Bünde gegeben, wenn eine Apotheke in Rödinghausen oder Kirchlengern Dienst hatte. Dann allerdings wurde die Regelung auf Wunsch der Apotheker geändert. Seitdem teilen sich 19 Apotheken im Bünder Land den Notdienst. Zur Verteidigung betont Nalop, dass es in Westfalen-Lippe Gegenden gebe, zum Beispiel im Sauerland, wo die Versorgung viel schlechter sei als im Bünder Land.
Auch Heinz-Peter Wittmann findet die Regelung gut. Er ist Inhaber zweier Apotheken – in Bruchmühlen und Rödinghausen. Zu ihm haben es die Bünder und Kirchlengerner am weitesten. "Die meisten Kunden kommen trotzdem klaglos", sagt er. Denen, die sich beschweren, erklärt er, warum es gut ist, dass nur noch eine Apotheke im Bünder Land geöffnet hat. "Es macht keinen Spaß, sich in die Apotheke zu stellen, wenn an einem Sonntag nur drei Kunden kommen", sagt Wittmann. So sei es vor der Änderung gewesen. Das habe dem Personalaufwand nicht entsprochen. Inzwischen kämen zu ihm etwa 20 Kunden am Sonntag. Zu Nalop, Inhaber der Marktapotheke im Zentrum Bündes, kommen in Spitzenzeiten sonntags 60 Kunden.