Bünde. Einmal im Leben, so heißt es in den fünf Säulen des Islam, sollte jeder gläubige Muslim im letzten Monat des islamischen Kalenders nach Mekka pilgern. So machen sich auch in diesem Jahr wieder Millionen Menschen aus aller Herren Länder auf den Weg in den Geburtsort ihres Propheten Mohammed. Die Bünderin Hülya Gülec hat ihre religiöse Pflicht bereits vor Jahren erfüllt – und kommt beim Gedanken an ihre Reise noch heute ins Schwärmen.
16 Jahre ist es inzwischen her, dass Hülya Gülec mit ihrem Mann zur großen Wallfahrt aufbrach. Damals, im Jahr 1993, war sie alles andere als ein streng religiöser Mensch. Erst einmal hatte sie eine Moschee betreten, wusste verhältnismäßig wenig über den Koran oder ihren Propheten. Dass sie die Fahrt dennoch antrat, stand für die Türkin nie in Frage. "Ich war mir sicher, dass mir die Pilgerfahrt gut tun würde", erinnert sich Gülec. Und ihre Erwartungen wurden nicht enttäuscht.
Bereits nach der Landung in der bei Mekka gelegenen Hafenstadt Dschidda war Gülec tief beeindruckt von der orientalischen Architektur und der spürbaren Wärme. Mit dem Bus ging es weiter nach Medina zum Grab Mohammeds. Auf der 400 Kilometer langen Reise kam Hülya Gülec mit zahlreichen Pilgern in Kontakt, sprach über Religion und erfuhr dabei viel Neues. Diese Fahrt, so Gülec, sei ein Schlüsselerlebnis gewesen. "Die Erzählungen über die Entstehung des Islam und die Taten unseres Propheten vor 1.400 Jahren sind mir unglaublich nah gegangen", erzählt die 55-Jährige. "Damals ist mir klar geworden, dass der Koran das letzte Buch Gottes ist und die Botschaften aller anderen Religionen vervollständigt".
Drei Wochen verbrachte Hülya Gülec in Medina, bevor es zur "Hadsch", der eigentlichen Pilgerfahrt, nach Mekka ging. Hier absolvierte sie sämtliche Rituale: die symbolische Steinigung des Teufels an der Dschamarat al-Aqaba in Mina, das siebenmalige Umrunden der Kaaba in Mekka und das Vollziehen des Opferfestes. Das emotionalste und vor allem beeindruckendste Erlebnis aber wurde Hülya Gülec am Berg Arafat bei Mina zuteil, wo die Pilger traditionell stehend um Gottes Vergebung bitten. "Da standen Millionen von Menschen bis Sonnenuntergang am gleichen Ort und es herrschte eine unbeschreibliche Stille. Alle ruhten in ihrem Glauben", zeigt sie sich noch heute fasziniert.
Nicht zuletzt durch dieses Erfahrung markiert die Hadsch für Hülya Gülec einen entscheidenden Punkt ihres religiösen Lebens.
"Ich habe durch die Pilgerfahrt gelernt, was es bedeutet, Muslimin zu sein", berichtet die Türkin von ihrem Glauben. Bei kritischen Fragen blättert sie heute häufiger im Koran als früher – und stößt dabei auf Antworten. In ihren Augen sollte der Islam nicht als Konkurrenz zu anderen Religionen betrachtet werden, da im Koran viele Glaubensrichtungen aufgegriffen würden. Auch aus diesem Grund bedauert die seit 1970 in Deutschland lebende Türkin, dass das öffentliche Bild des Islams – auch durch Forcierung der Medien – von "Terrorismus und Ayatollah Chomeini" geprägt sei. Dieser Wahrnehmung widerspricht Gülec vehement: "Das ist purer Machtkampf und hat mit Glauben nichts zu tun. Wenn tatsächlich alle nach der Sunna leben würden, gäbe es weitaus weniger Krieg, Leid und Qual auf der Welt", ist sie überzeugt. Und die Hadsch hat zu dieser Auffassung erheblich beigetragen.