Bünde. Computer können süchtig machen, besagt eine repräsentative Jugendstudie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Demnach sind bereits mehr als 14.000 Neuntklässler in Deutschland betroffen, weitere 23.000 gelten als stark gefährdet. Alarmierende Zahlen findet der Bünder Informatik-Lehrer Kai Schneider - und setzt in seinem Unterricht auf Präventionsarbeit.
Schneider leitet den Differenzierungskurs Informatik in der Jahrgangsstufe Zehn. Gerade in diesem Alter, so Schneider, befänden sich Jugendliche in der Selbstfindungsphase, setzen Interessen und Schwerpunkte - nicht selten auf Computer-Spiele und die unbegrenzten Möglichkeiten des Internets.
Schneider selbst spricht aus Erfahrung. Zu Referendars-Zeiten in Baden Württemberg glaubte der heute 28-Jährige, dass er sich verhört hätte: "Ich kann nicht pünktlich zum Unterricht erscheinen, sonst verliere ich eine Flotte", bekam er damals, frei von jeglicher Ironie, von einem Schüler zu hören.
Kein Feldherr, kein Reederei-Besitzer - nein, der junge Mann war lediglich aktiver Nutzer des Online-Rollenspiels "World of Warcraft" (WoW) und tauchte dabei in eine Parallelwelt ab. Einen Großteil seiner Zeit verbrachte er in der virtuellen Fantasie-Welt "Azeroth", schlüpfte dort in einen neuen Charakter und kämpfte mit seiner Gilde gegen Spieler rund um den Globus - dank Zeitverschiebung bis in die frühen Morgenstunden.
Offensichtlich fühlte der Junge sich wohl in seiner virtuellen Welt. Bei Kai Schneider allerdings schrillten die Alarmglocken. "Der Schüler hatte seinen Tagesrhythmus an das Spiel angepasst", erinnert sich Kai Schneider, der zu diesem Zeitpunkt erstmals eine gewisse Gefahr in dem weltweit beliebten Spiel sah. "World of Warcraft kann Süchte wecken", ist sich der Lehrer heute sicher. Sucht, so Schneider, sei schließlich nichts anderes als eine Abhängigkeit von Endorphinen und nicht selten werden WoW-Spieler durch erfolgreiche Schlachten mit Glücksgefühlen belohnt.
Im Grunde also nichts anderes, als bei jedem anderen Spiel auch? Doch, wiederspricht Schneider, denn im Gegensatz zu herkömmlichen Computer-Spielen würden WoW und andere Internet-Spiele nie langweilig. "Die Hersteller entwickeln die Spiele beständig weiter und schaffen innerhalb der virtuellen Welt neue Anreize", erklärt der Lehrer.
Wobei WoW und Co bei Weitem nicht das einzige Problem darstellen. Auch die massive Verbreitung von Netzwerk-Spielen und sogenannten "LAN-Parties" kann zu Problemen führen. Früher, so Schneider, war die Netzwerk-Technik noch nicht auf Spiele ausgelegt. Heutzutage allerdings genügt ein einfacher Router und das Mehrspieler-Vergnügen kann losgehen. Nicht selten spielen größere Gruppen ein komplettes Wochenende durch, vergessen dabei die Zeit und - auch das ist schon vorgekommen - fallen am Ende entkräftet vom Stuhl.
Am Marktgymnasium sind solche Fälle glücklicherweise noch nicht aufgetreten - und das sollte nach Meinung von Kai Schneider auch so bleiben. Dass junge Menschen auch in seinem Informatik-Kurs am Computer spielen, erscheint ihm normal und alles andere als verwerflich. Doch die gesellschaftliche Problematik sieht er durchaus als ernstzunehmendes Thema für seinen Unterricht an. Und das obwohl es im Lehrplan nicht explizit vorgesehen ist.
Allein der berühmte erhobene Zeigefinger habe dabei nichts zu suchen. "Die Schüler sollten sich selbstständig mit der Thematik auseinandersetzen", ist Schneider überzeugt - in Form von Referaten. Schulleiter Bernhard Herrich begrüßt dieses Vorhaben ausdrücklich. Die Schule selbst plane für kommendes Jahr eine Veranstaltung für Eltern der Jahrgangsstufen Sieben bis Neun. Thema: "Gefahren des Internets und wie man ihnen begegnen kann".