Alle reden über zu wenig Kinder - doch bei der Sicht auf die Geburt hat sich viel mehr verändert
Bünde. Lila ist die Farbe der Geburt. Zumindest im Bünder Lukas-Krankenhaus. Alle neun Hebammen tragen hier lilafarbene Blusen und sind auf den ersten Blick als Geburtshelferinnen zu erkennen. Irmtraud Wegener füllt diesen Beruf seit 25 Jahren mit Freude aus. Viel hat sich in dieser Zeit verändert, sagt sie. Das große Schlagwort heute: Natürlichkeit.
Werdende Eltern kommen heute meist schon lange vor dem Geburtstermin im Bünder Krankenhaus vorbei, sehen sich die Kreißsäle an und sprechen mit dem Personal. In den orangefarbenen Räumen gibt es neben einem Gebärbett auch einen Gebärhocker und eine Gebärbadewanne. Pizzibälle und Tücher sind in den beiden Kreißsälen zu finden.
"Werdende Mütter haben heute meist sehr genaue Vorstellungen, wie ihr Kind zur Welt kommen soll", sagt Irmgard Wegener, die leitende Hebamme im Lukas-Krankenhaus ist. "Als ich vor 25 Jahren meine Ausbildung begann, was das noch anders. Die Geburt war hoch standardisiert. Frauen lagen auf dem Rücken und bekamen ihre Kinder." Medikamente und Ärzte hätten eine viel größere Rolle gespielt.
Heute ist es selbstverständlich, dass Frauen bei der Geburt liegen, sitzen, hocken oder stehen können. Der Partner kann heute mit in den Kreißsaal, ebenso die Eltern oder die Freundin. "Die Geburt wird zunehmend zum Großereignis. Es passiert immer häufiger, dass hier ganze Großfamilien auflaufen", erzählt Wegener und lacht: "Mehr als drei Familienmitglieder können aber trotzdem nicht in den Kreißsaal."
Frauen suchten heute nicht nur aus, wie und wo sie ihre Kinder zur Welt bringen, sie achten auch mehr auf die Behandlung: "Naturheilkunde ist in den vergangenen Jahren sehr wichtig geworden", sagt Wegeners Kollegin Alicja Czyz. "Deswegen haben im Lukas-Krankenhaus alle Hebammen eine Akupunktur-Ausbildung gemacht."
Die fernöstliche Heilmethode sei ein wahrer Alleskönner. Übelkeit, Wassereinlagerungen, Sodbrennen, Rückenprobleme, Schlafstörungen können mit den richtigen Pieksen gelindert, die Geburt erleichtert werden. "Viele werdende Mütter nutzen die Akupunkturmöglichkeiten." Einen Großteil ihrer Arbeitszeit im Krankenhaus macht nach wie vor die Aufnahme der Schwangeren und die Betreuung bei der Geburt aus.
Etwa 400 Babys halfen die neun Bünder Hebammen vergangenes Jahr auf die Welt. Vor 25 Jahren waren es noch 711. Die ehemalige Familienministerin Ursula von der Leyen feierte ihr Elterngeld immer wieder als wirksames Mittel zur Geburtensteigerung, doch die Geburtshelferinnen merken davon nichts: "Es werden nicht spürbar mehr Kinder geboren, im Gegenteil, die Zahlen sinken eher", sagt Wegener und fügt an: "Die Einstellung zu Kindern hat sich verändert, weil die meisten Eltern eben nur ein oder zwei Kinder haben wollen." Schon lang vor der Geburt drehe sich alles um den Nachwuchs. Die Bünder Hebammen sind deswegen seit vielen Jahren auch außerhalb der beiden orangefarben gestrichenen Kreißsäle aktiv. Sie bieten Schwangerengymnasiuk und Rückbildungskurse an, beantworten in der Elternschule Fragen rund um das Baby, bieten Babymassagen, Babyschwimmen. Sie betreuen die Familien mit Säuglingen auf Wunsch auch noch zwei Monate in deren Zuhause. "Das hängt damit zusammen, dass die Verweildauer
mit drei Tagen sehr viel kürzer ist als noch vor 20 Jahren. Da blieben Mütter durchschnittlich zehn Tage nach der Geburt im Krankenhaus."
Irmtraud Wegener kam über Umwege zu ihrem Beruf. Sie war Kinderkrankenschwester, wollte für den Entwicklungsdienst arbeiten. "Es schien mir praktisch, für diese Arbeit auch als Hebamme ausgebildet zu sein." Dann blieb sie in dem Beruf hängen und hat es nie bereut.
Etwa 2.500 Kinder wurden mit ihrer Hilfe bereits geboren. Routine kennt sie dennoch nicht. "Jede Geburt ist anders. Es passiert mir auch heute immer noch, dass ich nach der erfolgreichen Geburt mit den glücklichen Eltern eine Freudenträne verdrücke."