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17.04.2010
BÜNDE
"Wir brauchen Vorbilder"
Mohamed El-Issa über Integration und türkische Gymnasien

Ist ein Beispiel für gelungene Integration | FOTO: ANNE WEBLER

Bünde. Hannelore Kraft hat Zülfiye Kaykin vorgestellt (die NW berichtete). Die Geschäftsführerin der Bildungsstätte an der Großmoschee in Duisburg-Marxloh verstärkt das Kompetenzteam der SPD-Spitzenkandidatin. "Wir müssen die Herzen füreinander öffnen", sagte Kaykin bei ihrer Vorstellung. Diesen Satz würde auch Mohamed El-Issa unterschreiben. Der 20-Jährige leistet im Lukas-Krankenhaus Zivildienst und zeigt, wie Integration gelingt.

Mohamed war sechs Monate alt, als seine Eltern mit ihm und seinen beiden älteren Geschwistern nach Deutschland kamen. Im Libanon herrschte Krieg, sie wollten in Frieden leben. Mohamed ging in Bünde in den Kindergarten, besuchte die Grundschule Ennigloh und die Erich-Kästner-Gesamtschule in Bünde, nach seinem Abitur vergangenen Sommer beginnt er am 1. August seine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei Revell. Von türkischen Schulen in Deutschland hält er nichts. "So lernt man nicht gut genug Deutsch", sagt er. "Sprache ist der Dreh- und Angelpunkt der Integration", sagt Friedhelm Heckemeyer, stellvertretender Leiter des Gesamtschul-Verbandes Bünde-Kirchlengern und ehemaliger Deutschlehrer von Mohamed. Wie gut ein Schüler Deutsch spreche und schreibe bestimme seine Noten. Die und der Abschluss bestimmten den beruflichen Erfolg, und der bestimme die gesellschaftliche Position.

Mohamed spricht perfekt Deutsch. Integration heißt für ihn Anpassung. Aber nicht, die eigene Kultur zu verdrängen. Er spricht mit seinen Eltern zu Hause Arabisch, isst als Moslem kein Schweinefleisch und trinkt keinen Alkohol. Für ein Kopftuchverbot hätte er kein Verständnis. "Religion ist kein Hinderungsgrund für Integration", betont Heckemeyer. Das Problem sei eher, dass einige Türken, die hier leben, zum Teil unsicher seien, wie sie ihre Religion leben sollen. Teilweise herrschten sehr tradierte Vorstellungen.

Mohamed findet gut, wenn Schüler auf Schulfesten Essen aus ihrem Heimatland mitbringen oder Deutsche eine arabische Hochzeit mitfeiern. "Dann ist das nicht mehr so fremd", sagt er. Denn solange die Deutschen den Islam nicht kennen würden, hielten sich Vorurteile: "Dass wir unsere Frauen unterdrücken ist ein Cliché." Sein Vater arbeitet als Bäcker, seine Mutter ist Hausfrau. Die Familie wohnt in Ennigloh zwischen deutschen Nachbarn, zu denen sie ein gutes Verhältnis hat. Seine Eltern sprechen Deutsch, Mohamed liest täglich die Lokalzeitung. "Wir isolieren uns nicht", sagt er. "Ob Integration gelingt, hängt auch davon ab, ob die Eltern bereit und fähig sind, sich der Gesellschaft anzunähern", sagt Heckemeyer. Wenn Eltern keinen Zugang zur Gesellschaft hätten, sei es schwierig, ihr Kind zu ermutigen, darauf zuzugehen.

Das gelte jedoch genauso für deutsche Eltern: Alle Faktoren, die beeinflussen, ob Integration gelingt: Sprache, Persönlichkeit, Elternhaus usw. bestimmten die Integration von deutschen Kindern genauso. "Auch Kinder von hier sind teilweise verschlossen und isoliert", sagt Heckemeyer. Mohamed fühlt sich in beiden Kulturen wohl, besitzt beide Staatsbürgerschaften und geht wählen. "Das muss man, sonst ändert sich doch nichts." Mit seinen Freunden, Türken, Libanesen und Deutschen, guckt er gerne Fußball oder Johannes B. Kerner. Von den Politikern wünscht er sich, dass sie "jugendliche Migranten einladen und fragen, wie sie sich Integration vorstellen." Es müsste mehr Vorbilder geben von Migranten, die erfolgreich und integriert sind. "Da gibt es nur Cem Özdemir und den Regisseur Fatih Akin, das sind zu wenige." Heckemeyer wünscht sich mehr Förderunterricht, in dem die Grammatik-Schwierigkeiten von Kindern mit Türkisch, Russisch oder Polnisch als Muttersprache ausgebügelt werden können. Es sei wichtig, dass die Eltern ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützten. "Den Eltern muss klar sein, dass Bildung der Schlüssel ist." Das müssten sie ihren Kindern vermitteln.

Auch wenn Mohamed integriert ist, spürt er immer wieder, dass er anders ist. "Sie sprechen aber gut Deutsch", loben ihn immer wieder Patienten im Krankenhaus. Dann ist Mohamed enttäuscht, dass er sich wieder einmal erklären muss. "Aber ich finde toll, dass ich zeigen kann: Ich bin ein Deutscher mit Migrationshintergrund, ich kann gut Deutsch und bin ein positives Beispiel. Das macht mich stolz."


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