Bünde. Katharina M. (Name geändert) ist irritiert. Als die Bünder Unternehmerin am Montag einen Anruf eines Berliner Internetdienstleisters erhielt und ein Mitarbeiter ihr mitteilte, man habe ihr Geschäft als Referenzunternehmen ausgewählt und wolle ihr eine kostenlose Homepage spendieren, war sie zunächst begeistert. Diese Begeisterung wich nach Recherchen im Internet schnell der Skepsis. Um Genaues herauszufinden, rief sie bei der NW an.
M. ließ es auf ein Gespräch mit dem Vertreter der Firma ankommen. "Sie würden Referenzkunden suchen, durch die ihr Bekanntheitsgrad wächst, erzählte mir der Mitarbeiter der Firma", erinnert sich M. Als Gegenleistung sei die Gestaltung einer hochwertigen Internetseite kostenlos. "Alles soll nach modernsten Maßstäben individuell auf ihr Geschäft zugeschnitten und mit ihr entwickelt werden", lautete das Versprechen.
Schließlich wolle die Firma ihre Seite als Vorzeigeprodukt bei der Akquise weiterer Kunden verwenden, so der Vertreter. "Auf die Frage, was mich das Angebot kostet, wich er anfangs aus", so M. Im Verlauf des zirka 90-minütigen Gesprächs stellte sich heraus, dass doch Kosten anfallen.
8.359 Euro in 48 Monaten
Die eigentliche Erstellung der Internetseite ist tatsächlich kostenlos, für den Service veranschlagt das Berliner Unternehmen allerdings einen einmaligen Anschlusspreis von 199 Euro sowie eine monatliche Service-Gebühr von 170 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer bei einer Laufzeit von 48 Monaten. Macht unterm Strich eine Summe von 8.359 Euro. "Bei der Summe musste ich erst einmal tief Luft holen", sagt M. und bat den Vertreter um Bedenkzeit. Dieser drängte jedoch auf eine Unterschrift und verwies auf das begrenzte Kontingent seines Angebots.
Er habe heute noch zwei weitere Termine in Geschäften in Bünde und Jöllenbeck. "Entscheidet sich eines dieser beiden Geschäfte für unser Angebot, haben sie eben Pech gehabt", sagte er. M. ließ sich nicht unter Druck setzen und machte dem rhetorisch gewandten Vertreter deutlich, dass sie sich mit ihrem Lebenspartner besprechen wolle, ehe sie irgendetwas unterzeichne.
"Damit hat Katharina M. genau richtig gehandelt", sagt der Nürnberger Rechtsanwalt Stefan Musiol. Der Jurist kennt sich mit besagtem Internetdienstleister aus. Er betreut Mandanten in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich von der Berliner Firma über den Tisch gezogen fühlen. Für Musiol ist klar: "Das Vorgehen der Vertreter ist bis ins letzte Detail eingefädelt. Die Mitarbeiter sind von Verkaufspsychologen geschult."
Hartnäckig gedrängt
Der NW liegt der "Leitfaden für Marketing-Beauftragte" der Firma vor, der aufzeigt, wie hartnäckig Kunden zu einem Vertragsabschluss gedrängt werden. Musiol rät dringend davon ab, sich auf einen Vertragsabschluss einzulassen. "Bei diesem so genannten Angebot fallen unterm Strich Kosten in Höhe von 6.000 bis 12.000 Euro an. Da stehen der Preis und die Leistung in keinem Verhältnis", sagt der Rechtsanwalt.
Ist ein Vertrag unterschrieben und wird erst im Nachhinein das Ausmaß der Kosten deutlich, besteht für Unternehmen kaum eine Möglichkeit, sich aus dem Kontrakt zu lösen. Denn für Unternehmen gilt nicht das 14-tägige Rücktrittsrecht bei so genannten "Haustürgschäften". M. ist froh, die Finger von dem Angebot gelassen zu haben. Mit der ohnehin geplanten Neugestaltung ihrer Internetpräsenz will sie sich nun Zeit lassen und nach einem preiswerteren Anbieter umschauen.
Im Zweifel Finger weg
Mit seiner vermeintlichen Gratis-Offerte richtet sich der Berliner Internetdienstleister dieser Tage offensichtlich gezielt auch andere Bünder Kleinunternehmen. Der NW sind weitere Firmen bekannt, die einen Anruf von dem Vertreter erhalten haben. Der Nürnberger Rechtsanwalt Stefan Musiol rät: "Sich nicht überrumpeln lassen, Preise vergleichen und im Zweifel Finger weg von solchen Angeboten."