Bünde. "Was denn, muss man den auch kontrollieren? Ich dachte, der hält ein Leben lang." Sätze wie dieser kommen Autofahrern schnell über die Lippen, wenn sie in eine Polizeikontrolle geraten sind und den Verbandkasten vorzeigen müssen. Manchmal aus echter Unwissenheit - manchmal aus Scham mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. 90 Minuten Polizei-Kontrolle mit Unterstützung des DRK gestern an der Levisonstraße förderten auch alte Schätzchen zu Tage - und nicht nur das.
Das Gesicht von Olga Faust ist sichtlich entspannt, als Polizeihauptkommissar Reinhard König, ausgestattet mit Polizeikelle und leuchtend gelber Warnweste, sie wenige Meter vor dem Kreisverkehr auf der Levisonstraße herauswinkt. Sie ist sich sicher: Sowohl mit ihrem Mercedes wie auch mit Papieren und Bordausstattung ist alles in Ordnung - und behält Recht.
Erfolgreiche Verbandkasten-Tauschaktion beim DRK
Dass so viele kommen würden, um ihren abgelaufenen Verbandkasten zu tauschen, hatte sich DRK-Leiter Sven Kampeter vor gut zwei Wochen nicht träumen lassen. Innerhalb von einer halben Stunde versorgte er 100 Autofahrer auf dem DRK-Gelände an der Sachsenstraße – und musste noch weitere Verbandkästen nachfordern. Über diesen Tag hinaus kamen bis gestern 426 Fahrer zum Tausch. Zwei Euro von jedem verkauften Kasten gingen an die Flutopferhilfe für Pakistan. "Einige spendeten darüber hinaus noch Geld. Dabei kamen insgesamt 1.234, 52 Euro zusammen" sagt Sven Kampeter. Wenn er mit der Puppe "Paul" Kindergärten besucht, bekommen die Kinder auch eine Art Hausaufgabe auf. Sie sollen einmal bei Mama und Papa im Auto nachsehen, ob der Verbandkasten noch in Ordnung ist. "Bei etwa jedem zweiten Fahrzeug muss ein neuer her", sagt Kampeter. Aus dieser Aktion soll künftig eine feste Einrichtung werden. Immer vor den Ferien soll dann die Tauschaktion in Verbindung mit Kontrollen der Polizei durchgeführt werden.
Ihr Wagen ist noch relativ neu und vom Hersteller ab Werk auch mit einem Verbandkasten ausgestattet. Vorrangig darauf hatten es Polizei und Rotes Kreuz abgesehen. "Verlassen kann man sich darauf aber auch bei neuen Autos nicht", sagt Sven Kampeter, der Leiter des DRK-Bünde.
Als Fortführung der Verbandkasten-Tauschaktion vor gut zwei Wochen kooperieren Polizei und DRK im Rahmen dieser Kontrolle. Nach 90 Minuten werden es 28 Fahrzeuge sein, die kontrolliert wurden. Bei lediglich 13 wird es keine Beanstandungen geben.
Polizist Reinhard König und sein Kollege Ludger Busch richten ihr Augenmerk nun auf Fahrzeuge, die augenscheinlich älter als fünf Jahre sind. Fündig werden sie sofort. Und oft sind es die vom Autobauer werkseitig hinzugegebenen Verbandkästen, deren Verfallsdatum abgelaufen ist - bei einem BMW von 1989 sogar seit 16 Jahren.
Sven Kampeter nimmt den noch original verschweißten Kasten in die Hand. "In der Regel sind Verbandkästen fünf Jahre gültig. Doch selbst wenn er noch von Folie umgeben ist, wird das Verbandmaterial unbrauchbar."
Pflaster kleben nicht mehr, Mullbinden und Gummihandschuhe werden wegen der hohen Temperaturunterschiede im Auto - gerade im Sommer - porös. Der Fahrer, ein Rentner, lässt sich überzeugen und tauscht das alte Original gegen einen neuen vom DRK. Von den zehn Euro, die er zahlt, leitet das Rote Kreuz zwei Euro weiter in einen Spendenfonds für die Opfer der Flutkatastrophe in Pakistan - wie auch schon bei der Tauschaktion an den zwei Wochenenden zuvor.
Mit steigender Anzahl der Kontrollen wird deutlich, wie viel verschiedene Farben und Formen Verbandkästen haben können. Vom guten alten Kissen auf der Hutablage über die Standardform bis hin zur modernen Kombitasche inklusive Warndreieck.
In einem VW Polo der Kategorie "Tiefer, breiter, härter" weist Minuten später zumindest der Verbandkasten keine Mängel auf. Dafür aber die breiten Hinterreifen, die bei der Kontrolle von Ludger Busch nur noch ansatzweise Profil aufweisen. Macht 75 Euro Bußgeld und drei Punkte.
Einer Frau, die gerade vom TÜV kommt, wurde das abgelaufene Verbandmaterial im Mängelbericht eingetragen. Erst Minuten vor der Kontrolle kaufte sie einen neuen Verbandkasten in einem Verbrauchermarkt.
"Fünf Euro Bußgeld kostet es normalerweise, wenn der Verbandkasten Mängel aufweist oder nicht vorhanden ist", erklärt Ludger Busch. Doch bei dieser Kontrolle werden die Fahrer verschont. Wer seinen Verbandkasten tauschen will, kann es gleich vor Ort bei Sven Kampeter tun. Wenn nicht, bleibt es bei einer Ermahnung.
Bei 15 Beanstandungen machen zehn Fahrer vom Tausch Gebrauch, vier weitere versprechen, sich schnellstmöglich einen neuen Verbandkasten im Handel zu besorgen. Ein 85-jähriger Mann mit Originalführerschein von 1959 bleibt gelassen und sagt: "Ich gebe nächstes Jahr sowieso meinen Führerschein ab, da hole ich mir jetzt auch keinen neuen Verbandkasten mehr."