Wie Computer an Bünder Schulen den Unterricht anders, aber nicht schneller machten
VON GERALD DUNKEL
Bünde. Seit 10 bis 15 Jahren, so schätzen Pädagogen an Bünder Schulen im Schnitt, gibt es im Volksmund den Satz "Die Kinder werden doch heute mit Computern groß". Seit Einführung der ersten Computer für den Unterricht Mitte der 1980er Jahre, haben die "neuen Medien" den Unterricht in allen Schulformen in Bünde verändert. Der größte Sprung nach vorn vor etwa sechs Jahren ist der Stadt zu verdanken, die diesbezüglich eine Vorreiterrolle in der Region einnimmt.
Es mutet einem rituellen Vorgang an, wenn Kurt Bertram den Schrank öffnet, in dem Gegenstände aus einer anderen Zeit zu liegen scheinen. "Der alte Apple II-Nachbau, das war noch was. Und programmieren in Turbo Pascal erst. Vier Stück hatten wir davon. 48 Kilobyte hatte der. Für 380 Mark konnte man ihn auf 64 Kilobyte aufrüsten. Aus heutiger Sicht unvorstellbar."
Der Schrank, in dem der Konrektor der Realschule Bünde-Nord kramt, steht in einem ehemaligen Lehrmittelraum. Auf der anderen Seite steht ein etwa 2,20 Meter hoher Turm aus Rechnern, Servern, kleinen Boxen mit blinkenden Leuchtdioden und einem Gewirr aus Kabeln davor. Unter der Zimmerdecke wubbert die Klimaanlage, ohne die die Geräte nicht lang überlebensfähig wären. Von 64 Kilobyte Speicher, die heutzutage nicht mehr für den Betrieb einer elektronischen Kaffeemaschine reichen, ist angesichts dieser Technik keine Rede mehr.
Info
Die Schweizer gehen noch einen Schritt weiter
Im Schweizer Städtchen Goldau wurden die Fünftklässler an der dortigen Schule in diesem Jahr in einem Modellversuch mit einem Smartphone ausgestattet. Sie sollen es zwei Jahre lang im Unterricht nutzen und dürfen es sogar mit nach Hause nehmen. An der Projektschule gilt das Handy, mit dem die Kinder im Internet surfen, rechnen, schreiben und zeichnen können, als Recherchemittel. "Es gibt sogar spezielle Applikationen, die die Schüler zu bestimmten Themen abfragen und Punkte vergeben. Dazu wird die Zeit gestoppt, die die Schüler für die Antworten benötigen. Eine statistische Auswertung ist inklusive. So können sie das Gelernte vertiefen", sagte Projektleiter Christian Neff auf der Konferenz Re-Publica im Frühjahr in Berlin. Die Smartphones sind gesponsert von einem schweizer Mobilfunkanbieter. Etwa zehn bis zwanzig Prozent betrage der Einsatz des Geräts im Unterricht. Doch einen Filter, der die Kinder vor pornografischen Inhalten aus dem Internet schütze, gebe es für das Smartphone nicht. Alle Eltern mussten einwilligen.(QUELLE: DPA)
"Das hier ist das Netzwerkzentrum für die Realschule Bünde-Nord, das Freiherr-vom-Stein Gymnasium und die Erich-Kästner-Gesamtschule." An die 400 PCs und Laptops an den drei Schulen greifen auf diesen Turm zu, speichern Daten, rufen sie ab, und greifen darüber auf das Internet zu. Jeder Schüler ab der 5. Klasse hat auf diesen Servern seinen eigenen Bereich. Ein System, dass es seit gut fünf Jahren an allen weiterführenden Schulen in Bünde gibt.
Die Realschule Bünde-Mitte und die Hauptschule greifen auf Servereinheiten zu, die in der Realschule stehen. Das Gymnasium am Markt hat einen eigenen Raum. Jeder Fünftklässler an Bünder Schulen bekommt seinen eigenen Login-Namen und sein Passwort für das Schulnetzwerk sowie eigenen Speicherplatz, auf dem er Unterrichtsdateien ablegen und bearbeiten kann. Darüber hinaus gibt es "Tauschverzeichnisse", die von Lehrern mit Unterrichtsmaterialien befüllt werden und auf die ebenfalls jeder Schüler eines Jahrgangs Zugriff hat. Schon für Zehnjährige selbstverständlich.
Einige Schulen, wie zum Beispiel das Gymnasium am Markt, sind am "Lo-Net II" angeschlossen – eine Kommunikationsplattform, die es Lehrern wie Schülern ermöglicht, auch außerhalb der Schule Daten auszutauschen. So kann ein Lehrer, der krank ist, seinen Schülern von zu Hause aus Aufgaben erteilen. Genauso bleibt aber auch ein kranker Schüler von zu Hause aus auf Stand.
Um 1990 herum – plus minus zwei Jahre – wurden die ersten Computerräume an den Bünder Schulen eingerichtet, die den Namen "Computerraum" verdient haben. Das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium hatte 1984 sogar schon einen Raum mit sechs Casio-Rechnern, in denen ab Jahrgang 11 Informatik in ihrer Ur-Form gelehrt wurde. Ein Jahr später zog das Gymnasium am Markt mit acht Rechnern in einem Kellerraum nach. Bis zum Ende der 1990er Jahre kochten die Schulen überwiegend ihre eigenen Süppchen, was ihre Rechnersysteme anging.
2004 machte die Stadt Bünde im Rahmen der Initiative "Schulen ans Netz" als eine der ersten Kommunen der Region einen großen Schritt und rüstete alle Schulen mit dem selben Computersystem aus. Zudem wurde den Schulen die Administration der Systeme abgenommen, die für diese Entlastung dankbar sind. Die Rechner werden geleast und im Schnitt alle vier Jahre ausgetauscht.
Aber hat der Computer den Unterricht verändert? In der Hauptschule Bünde sitzen Johanna Barbosa und Carina Nurkabaeva vor ihren Computern in ihrer Schülerfirma, gestalten Anzeigen für eine Produktwerbung oder verbuchen Ein- und Ausgaben in ihrer Tabellenkalkulation. Lehrer Wilfried Reißig hat hier die Oberhand über Rechner und Schulnetzwerk. "Die Zeiten, in denen der Computer im Fokus ausschließlich spezieller Unterrichte stand, sind längst vorbei. Heute ist der PC selbstverständliches Werkzeug, und das fächerübergreifend."
Lediglich im Informatik-Unterricht werden Schüler in der Bedienung von Programmen wie Word, Excel oder PowerPoint unterrichtet. Sie zählen heute zur Allgemeinbildung. An der Hauptschule ist Informatik Pflichtunterricht, zusätzlich gibt es Kurse mit unterschiedlichen Schwerpunkten, wie auch an den anderen Schulen. Somit werden an den Realschulen und der Hauptschule auch die Steuerung von Robotern oder Ampelschaltungen programmiert. Der Computer also als zukünftiges Werkzeug im Beruf.
Im Internet sind die Schüler durch Filter vor Seiten mit fragwürdigem Inhalt geschützt. Hin und wieder werden sie absichtlich abgeschaltet. "Wenn wir zum Beispiel im Politikunterricht Seiten mit rechtsextremen Inhalten analysieren wollen", sagt Lehrer Volker Wiegand vom Gymnasium am Markt.
Als ein "Medium der Zukunft" werden die interaktiven Tafeln gesehen. Auf ihnen werden Animationen und Daten visualisiert, in die Lehrer und Schüler mittels eines besonderen Stifts direkt an der Tafel eingreifen können. Zurzeit sind sie erst in einigen Fachräumen am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium installiert. Am Marktgymnasium werden sie mit Fertigstellung des Anbaus in ein paar Monaten eingeführt. Ein Problem dabei sieht der stellvertretende Schulleiter des Marktgymnasiums Wolfgang Peuker: "Die älteren Kollegen fragen ,Wo ist meine Kreide?‘"
Aber wie hat der Computer nun den Unterricht verändert? Kurt Bertram: "Wir können wissenschaftliche Vorgänge beliebig oft simulieren, die früher zeitintensiv als Experiment aufgebaut werden mussten." Wolfgang Peuker: "Er entlastet von Zeit raubenden Tätigkeiten wie das Anzeichnen an der Tafel. Es bleibt mehr Zeit für den Schüler." Mehr Lernstoff bekomme man auch mit dem PC nicht in gleicher Zeit durch. "Er hat den Unterricht anders, aber nicht schneller gemacht."
Schrift
Anzeige
Weitere Nachrichten aus Bünde
BÜNDE/BAD OEYNHAUSEN/HERFORD A30: 51-Jähriger aus Bad Oeynhausen bei schwerem Unfall getötet Auf der Autobahn 30 bei Bünde wurde am Dienstagabend ein 51-jähriger Mann aus Bad Oeynhausen bei einem Unfall getötet. Er war mit seinem Auto in einer Baustelle von der Fahrbahn abgekommen und in den Gegenverkehr geraten. mehr
Bünde Kulturprogramm mit vielen Highlights Mehr als 100 Veranstaltungen enthält das Bünder Kulturprogramm in der Saison 2012/13. Dirk Kaiser, Geschäftsführer der Stadtkultur Bünde GbR, stellte dem Ausschuss für Wirtschaftsförderung die... mehr
BÜNDE Goethe-Drama und Rockiges Bünde. Kulturinteressierte Bünder können sich schon auf eine interessante Saison 2012/13 freuen. Dirk Kaiser, der die Geschäfte der Stadtkultur Bünde GbR zusammen mit Peter Wanjek leitet... mehr
BÜNDE Der Weißstorch ist zurück Bünde. Der Weißstorch ist allein durch seine Körpergröße, das schwarz-weiße Federkleid, den roten Schnabel und die roten Beine schön anzusehen. Im Kreis Herford hat im Jahr 1910 oder 1911 das letzte... mehr
Bünde (ar/clu). Auf der Autobahn 30 bei Bünde wurde am Dienstagabend ein 51-jähriger Mann aus Bad Oeynhausen bei einem Unfall getötet. Er war mit... mehr
Bünde. Der Weißstorch ist allein durch seine Körpergröße, das schwarz-weiße Federkleid, den roten Schnabel und die roten Beine schön anzusehen. Im... mehr
Bünde. Inwieweit darf sich ein Arzt in familiäre Angelegenheiten einmischen? Eine Frage, die sich die Bünderin Kirsten K. seit nunmehr gut sieben... mehr
Kreis Herford/Rödinghausen. Erstmals wird vor dem Herforder Arbeitsgericht ein Fall verhandelt, in dem ein Arbeitnehmer wegen eines privaten Eintrags... mehr
Laufend informiert werden Sie am Wahlabend hier bei nw-news.de, dem Internetdienst der Neuen Westfälischen. Mit Schließung der Wahllokale haben wir... mehr