Bünde. Längst ist sie Geschichte, die oft beschworene Alterspyramide als Abbild der Bevölkerungsstruktur. Die breite Basis der jungen Jahrgänge bröckelt, ältere Generationen hingegen gewinnen die Oberhand. Und werden somit auch als Zielgruppe der Zukunft immer relevanter. Eine Antwort auf die Herausforderungen des demografischen Wandels.
Ernst Ferdinand Zimmner ist noch immer überrascht. Vier Monate sind mittlerweile seit der Eröffnung seiner Bäckerjungen-Filiale "Fenstergucker" in der Eschstraße vergangen. Dass aber derart viele Besucher die eigens errichtete Rampe benutzen, hätte der Bäckermeister nie für möglich gehalten. "Dabei sind es gar nicht nur Rollstuhlfahrer", sagt Horst Krumsiek, der als Vorsitzender des Rolli-Clubs Bünde schon während der Bauarbeiten die Anregung zur Auffahrt gegeben hatte.
Tatsächlich sind es vornehmlich ältere Menschen, die das Café über die Rampe betreten. Gehbehinderte Senioren, teilweise mit Rollatoren unterwegs. Sie sind es, die derlei barrierefreie Zugänge benötigen. "Schließlich wird es davon in Zukunft immer mehr geben", ist Horst Krumsiek sicher.
Überhaupt scheint Barrierefreiheit zum Schlüsselwort des demografischen Wandels geworden zu sein. Ob öffentliche Gebäude, Personennahverkehr oder kirchliche Einrichtungen - auf bewegungsfreundliche Architektur und Ausstattung legt man bei Neuerungen auch im Bünder Land großen Wert. "Für unseren Erweiterungsbau planen wir einen freien Zugang, einen Fahrstuhl und ein behindertengerechtes WC", bestätigt etwa der Geschäftsstellenleiter des Bünder Finanzamtes Daniel Vogt, der sein Augenmerk auch mittlerweile auf ältere Klienten legt. Ebenso wie es das Rathaus, die Stadtbücherei und zuletzt das Amtsgericht schon getan haben. Auch der Stadtbus hält Rampen und barrierefreie Haltestellen bereit. "Nur der Einzelhandel zeigt noch wenig Interesse", sagt Horst Krumsiek und verweist auf fehlende Rampen an fast allen Geschäften der Bünder Innenstadt.
Andere Einzelhändler im Bünder Land haben hingegen längst reagiert. Ebenerdige Zugänge etwa gehören bei größeren Lebensmittelmärkte mittlerweile zum Standard. Seit 2007 hält der Edeka-Markt an der Herforder Straße darüber hinaus Leselupen an jeder einzelnen Regalreihe bereit. "Damit ältere Menschen auch die kleingedruckten Zutatenlisten lesen können", begründet Marktleiter Dirk Sieveking. Sein Kollege Eckard Ramöller vom Edeka-Markt Stift Quernheim geht sogar noch einen Schritt weiter und fertigt die Preisschilder in den unteren Reihen in doppelt großer Schriftgröße an. "Dann müssen sich Senioren nicht extra bücken, sondern können im Stehen problemlos den Betrag ablesen", sagt Ramöller, der darüber hinaus breitere Gänge, größere Warenbänder an den Kassen und Leselupen am Einkaufswagen sein Eigen nennt.
Vom Status einer "Wohlfühlstadt für Senioren" ist Bünde gleichwohl noch weit entfernt. "Es fehlt insgesamt an Bewusstsein", beklagt Horst Krumsiek, "viele können sich nicht in die Lage von Rentnern und gehbehinderten Menschen versetzen. Und viele haben noch nicht realisiert, dass so die Zukunft aussieht".
Karlheinz Path