Bünde/Toronto. Den amerikanischen Traum der grenzenlosen Möglichkeiten träumten Mitte des 20. Jahrhunderts Millionen Deutsche. Viele nach dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Wirren sie alles verloren hatten. So auch die heute 72-jährige Christel Fülling, die im Jahre 1952 zusammen mit ihrer Familie aus dem beschaulichen Ennigloh ins ferne Kanada ausgewandert ist, um dort ein ganz neues Leben zu beginnen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert lebt sie nun in dem Land, wo die Sommer mächtig heiß, die Winter hingegen eisig kalt sind.
"Wenn mir vor 65 Jahren jemand gesagt hätte, du wirst einmal in Kanada leben und dort Familie haben, hätte ihn für verrückt erklärt", ist sich Christel Fülling sicher. Als kleines Mädchen hatte sie noch nicht einmal vage Vorstellungen vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. "Ich wusste nicht einmal, dass es Kanada gibt". Das änderte sich schlagartig, als eines Tages ihr Vater beschloss: "Christel, wir wandern aus." Anfangs nicht gerade zur Freude der Tochter, musste sie doch alle Freunde und Arbeitskollegen in Bünde verlassen.
Fürs Abschied nehmen blieb nur ein Jahr, 1952 verließ die Familie Ennigloh. "Von Bremerhaven aus fuhren wir elf Tage lang mit der ,MS Italia über den großen Teich, bis wir endlich in Halifax ankamen", erinnert sich Christel Fülling, geb. Stuke. Doch damit war die Reise noch nicht beendet. Anschließend ging es volle drei Tage lang per Zug nach Winniepeg durch schier endlose Wälder, paradiesische Landschaften mit Seen und Bergen. Nach nur zwei Tagen in Winnipeg hatte Christel bereits einen Arbeitsplatz gefunden. "Für kaum 50 Cent in der Stunde habe ich Mützen genäht."
Doch die englische Sprache beherrschte niemand aus der Familie. "Mit meinem Vater bin ich immer ins Kino gegangen, wo wir uns englische Filme angeschaut haben", erinnert sie sich. In unregelmäßigen Abständen besuchte Christel auch eine Abendschule, bis sie einen Job in einem Café in Red Lake, einem kleinen Städtchen im Norden Ontarios, fand. Dort musste sie Englisch sprechen. Wenig später zog es Christel dann nach Toronto, wo sie heiratete und ihre heute 42-jährige Tochter Kim zur Welt brachte.
Eine Rückkehr nach Deutschland kann sich die Rentnerin nicht mehr vorstellen. "Als ich nach 13 Jahren zum ersten Mal wieder in Deutschland war, habe ich schnell festgestellt, dass sich mein Vaterland mehr verändert hatte als ich selber", so Christel Fülling, die nun einen kanadischen Pass hat und auch von ihren Landsleuten voll als Kanadierin akzeptiert wird.
Dennoch bleibt sie im Herzen auch Deutsche und erklärt entschlossen: "Auf meine Heimat lasse ich nichts kommen." Außerdem liebt Christel Fülling die deutsche Küche. Auch wenn das in einem Land, in dem Mc Donalds und Co. an fast jeder Straßenecke wie Pilze aus dem Boden wachsen, undenkbar zu sein scheint. Ihre Alternative: "Selbst kochen, am liebsten Pfannkuchen, Gemüsesuppen und frischen Fisch." Die Küche steht in einem Appartment in Markham, einem gemütlichen Ort, von dem aus man Toronto in wenigen Minuten erreichen kann. Wobei die Betonung auf "kann" liegt, denn Christel Fülling genießt das Kleinstadt-Leben. Manchmal möchte sie dann aber doch etwas erleben. Dann fährt die gebürtige Bünderin mit ihrem Chrysler zu den Niagara-Fällen, in die kleinen Mennoniten-Dörfchen im Westen des Bundesstaates Ontario oder eben in die 4,3 Millionen Einwohner-Metropole, wo mit dem über 533 Metern hohe CN-Tower eines der höchsten Gebäude der Welt steht. "Hier wird es einem niemals langweilig", sagt Christel Fülling.









