Bünde. Spielen im Wald, Helfen auf dem heimischen Hof und Blasen im Posaunenchor – Jürgen Oberbäumer verlebte eine idyllische Jugend. "War ’ne schöne Zeit", sagt er rückblickend. Offenbar nicht schön genug: 1984 bricht er zu einer großen Asienreise auf und findet in Japan eher zufällig ein Zuhause. Mit seiner Frau Mariko wohnt er dort bis heute.
"Ich hatte Psychologie studiert – da hatte ich aber keine Lust mehr drauf", sagt der 55-Jährige. Nach dem Tod seines Vaters packt Oberbäumer seinen Rucksack, macht Reisen durch Südeuropa und arbeitet ein halbes Jahr als Decksmann auf einem Schiff.
Als 30-Jähriger startet er dann per Bahn auf eine lang geplante Reise nach Japan – über Talinn, Moskau, Peking, Shanghai und Hongkong. Im Land der aufgehenden Sonne landet er gleich zu Beginn in der Küstenstadt Iwaki und lernt seine Frau kennen. "Ich fragte sie nach dem Weg, sie verstand kein Englisch und nahm mich mit zu Freunden, die mich einluden, ein paar Tage zu bleiben – ein halbes Jahr später haben wir geheiratet", gibt Oberbäumer den schnellen Lauf der Dinge wieder.
Nach zwischenzeitlichen vier Monaten in Deutschland "mit Hochzeitsfeier und japanischen Schwiegereltern" macht sich eine kleine Delegation aus Rödinghausen auf den langen Weg nach Japan und feiert die Hochzeit ein zweites Mal. Eine aufregende Zeit.
Dafür wird es später etwas erholsamer: "Wir zogen in ein altes Haus im Ortsteil Yotsukura, einem kleinen Fischereihafen", erzählt Oberbäumer, "das Haus sah aus, wie aus dem japanischen Bilderbuch – aber ohne Luxus." Das Meer dort sei schön, so Oberbäumer, im Sommer und Herbst drehe er dort bis heute seine Runden. "Ohne Meer hielte ich es hier vielleicht nicht aus – es ist schon alles sehr eng", sagt Oberbäumer, "die Großstädte sind unerträglich."
Durchaus erträglich findet Oberbäumer dagegen die Berufe, mit denen er sich anfangs über Wasser halten muss: Abgesehen vom klassischen Aussteiger-Job in einem Restaurant arbeitet er auch in einem Kindergarten. Sinn und Zweck seiner Anstellung: Die Kleinen sollen die Angst vor Menschen mit runden Augen und langen Nasen verlieren. "Ich musste einfach nur mit den Kindern spielen", sagt Oberbäumer.
Später wird er Englischlehrer an Kindergärten und Firmen, danach an der Fachoberschule und an der Uni. "Sprachunterricht ist hier ein Riesengeschäft und zu Anfang gab es auch wenig Konkurrenz", sagt Oberbäumer. Mittlerweile leiten er und seine Frau ein Import-Geschäft für deutsches Holzspielzeug.
Apropos Anfang: "Damals erregte man hier wirklich Aufsehen, wie ein Afrikaner in den 60er Jahren in Deutschland – aber zum Glück nur positive Diskriminierung", sagt Oberbäumer. Japaner liebten das Neue, das Ausländische. "Sie sind sehr kultiviert und das Leben kann hier sehr interessant werden, wenn man bereit ist, die Sprache zu lernen und ganz anders zu werden."
Oberbäumer war offenbar dazu bereit und lernte auch Japanisch. Sonst hätte er es keine 25 Jahre in der Fremde ausgehalten. Der 55-Jährige räumt allerdings ein, dass der Zug zur alten Heimat im Alter eher stärker wird. "Wo werden die Kinder leben? Wo will man selbst alt werden und sterben? Wie wird man im Alter den Spagat schaffen?" Dies seien Fragen, die ihn mehr und mehr beschäftigten.
Spagate gab und gibt es im Leben der Eheleute Oberbäumer ohnehin schon: Seine Frau Mariko lebte mit den Kindern Marie May und Leon Daiske für neun Jahre in Deutschland. Während Oberbäumer in Japan seiner Arbeit nachging, machten seine Kinder ihr Abitur und studieren auch heute noch in Bochum und Trier.
"Solange ich arbeite, bleibe ich hier, klar", sagt Oberbäumer. Und danach sehe man weiter. Vielleicht steht dann ja wieder Posaunenchor auf dem Plan.