Spenge/Ulaan Baatar. "Erst wenn Du die Straße verlässt, bist Du wirklich in der Einsamkeit", sagt Michael Wiedemann. Die Freiheit der Steppe, keine Zivilisation in Sichtweite, keine Verpflichtung, Lagerfeuerromantik in der ewigen Weite der Mongolei. Das war der Plan des Spenger Motorradfahrers und seiner zwei Kumpel Dieter Lubenow und Michael Gutsche als sie sich auf den Weg zu Dschingis Khans Erben machten.
Es sind die Bilder aus der Wüste Gobi, die Michael Wiedemann nicht mehr vergessen wird: Inmitten des Nichts, die Luft flimmert wie ein Spiegel, manchmal taucht eine Kamelherde am Horizont auf.
Die Einsamkeit fasziniert den 48-Jährigen. Und auch die Frage, auf wie viel Komfort kann ich verzichten? Welche Risiken bin ich bereit, einzugehen? In der Mongolei haben alle drei Freunde ihre Grenzen gründlich austesten können.
"Wir waren noch nie so gut auf eine Reise vorbereitet", meint Dieter Lubenow. "Aber die Natur sagt, wo es lang geht", so lautete die Erkenntnis im Nachhinein. Trotz Karten und dreier GPS-Geräte waren Ortschaften unauffindbar. Es gibt keine Straßen und keine Hinweisschilder. Entfernungen drückt man in der Mongolei nicht in Kilometern, sondern in Zeiteinheiten aus. "Wir haben uns eigentlich täglich verfahren" gibt Wiedemann zu.
Die Verbindungsstraßen sind Pisten aus Sand, Lehm oder Schotter. Die Natur überrascht die Reisenden mit Querrillen, Erdspalten und Flüssen, die vor dem letzten Regen noch gar nicht existierten. Denn im Sommer ist in der Mongolei Regenzeit. Einmal am Tag wird der Himmel plötzlich schwarz und öffnet seine Schleusen, Blitze zucken. Kurz darauf strahlt wieder die Sonne. Allerdings hat sich die Piste in dieser Zeit in eine Schlammwüste verwandelt.
Im Süden der Gobi-Wüste hatten die Motorreisenden mit der Hitze zu kämpfen. 45 Grad und kein Schatten. Mit Helm, Handschuhen, Stiefeln und Protektorenhemd. Statt durch den Schlamm mussten sich die Räder nun durch den Sand wühlen. Für den 53-jährigen Lubenow war das trotzdem das Highlight der Tour. Denn dort gibt es einen Dino-Friedhof. Aus dem roten Sandstein schauen meterlange Knochen der Urtiere hervor.
"Ich habe auf dieser Tour bestimmt 20 Mal auf der Nase gelegen", berichtet Wiedemann. Dieter Lubenow verletzte sich gleich am dritten Tag am Fuß. Nur der Endurostiefel verhinderte wahrscheinlich einen Bruch. Aber der Fuß schwoll an und keine ärztliche Versorgung in Sicht. "Da bekommt man doch etwas Panik", gibt Lubenow zu.
Nach drei Tagen suchte er einen Schamanen auf. Die Diagnose: "Knochen heil, Fleisch kaputt." Sein Arzthonorar: 4.000 Tugrik was 2,20 Euro entspricht. Mit Packungen aus schwarzem Tee und Salz versorgte Lubenow den Fuß und setzte die Reise fort.
Mühselig war die Tour, weil die Kräder völlig überladen und damit schwer im Gelände zu fahren waren. "Wir hatten zu viel Essen Kleidung und Lokuspapier dabei", grinst Wiedemann. Dazu noch Wasservorräte und Benzinkanister. Weniger Gepäck hätte mehr Fahrspaß bedeutet. Denn in den Ortschaften, die die Abenteurer fast jeden Tag anfuhren, gab es immer Wasser in PET-Flaschen und auch eine Tanksäule.
Die Menschen haben sie auf dem Land als ehrlich, manchmal etwas aufdringlich erlebt. Zum Beispiel, wenn beim Tanken die beiden BMWs handgreiflich bewundert wurden. Öfter haben sie in Ger-Camps - so etwas wie mongolischen Campingplätzen - übernachtet. Dort mieteten sie für fünf Euro eine Jurte (d. Red.: Zelt) und überzeugten sich von der mongolischen Küche, die besser sei als ihr Ruf, wie Lubenow betont.
Fazit: "Einsamkeit, Abenteuer, atemberaubende Natur - hatten wir alles. Nach vier Wochen hatten wir aber auch die Faxen dicke", sagt Michael Wiedemann im Rückblick.
"Wir wollten endlich wieder in den dritten Gang schalten und tatsächlich mal 80 km/h fahren." Deshalb wird die nächste Tour die beiden vermutlich auf eine der berühmtesten Straßen der Welt führen: In die USA auf die Route 66. Nicht besonders einsam, aber asphaltiert.