Herford.Schäm dich, Otto! Wie konntest du mit "Dänen lügen nicht" nur eine solch böse Persiflage singen auf das Tränen-Lied, mit dem Michael Holm auf der Sommerbühne die Herzen der mittelalterlichen Fans erwärmte? Alles, was Hit war in den 1970er und -80er Jahren wurde geboten, doch nur rund tausend Fans ließen sich locken. Dabei sind die Altstars noch gut bei Stimme.
Das wundert vor allem bei Michael Holm, der früher eher dünn über die Rampe kam. Jetzt stand er auf der sonnenbeheizten Bühne im schwarzen Anzug mit nachgedunkelten Haaren, sang gegen eine Sieben-Mann-Band an und, höre da: Er behauptete sich mit Stimmtechnik und Ganzkörper-Einsatz – mit 63.
Er war halb so alt, als er musikalisch "einen kleinen, unbedeutenden Ort" entdeckte, der so bedeutend für seine Karriere ist: Mendocino. In den ersten Reihen fahren die Fans mit, weiter hinten haben sich kleine Fan-Inseln gebildet. Und alle warten auf "Tränen lügen nicht". Zu Beginn des Auftritts hatte die Band einen ersten Vier-Takte-Teaser gespielt. Jetzt kommt das ganze Lied, und Michael singt es abgeklärt fast wie eine Persiflage. Otto muss sich doch nicht schämen.
Jürgen Drews schämt sich nie. Den Mantel eines "Königs von Mallorca" hat er schon über dem Arm, als er die Bühne betritt. Ein Drachenflieger schwebt über dem Platz. Jürgen späht nach oben und gesteht: "Da oben wäre ich jetzt gerne". Aber the show must go on, und das Volk erwartet "Ein Bett im Kornfeld". Also gut. Jürgen singt es, und weil er es kaum noch hören kann, peppt er den Hit mit einen Rap auf.
Auf der Bühne ist viel Platz: keine Band, Jürgen singt nur Halb-Playback. Ohne "Mädels" fühlt er sich leicht schon mal einsam. Darum bittet er sie nach oben. Die großen, schwarzen Sicherheitsmänner – ein halbes Dutzend steht vor der Bühne – müssen die Gitter wegheben. Und dann wirds bunt und vielbeinig. Grün dominiert. So sind die "Sieben Zwerge" aus dem Reiterverein von Derfflinger Schwarzenmoor verkleidet. So feiern die jungen Frauen den Junggesellinnen-Abschied von Andrea Schnepel. Am 10. Juli heiratet sie ihren Jan, aber erst wird mit Jürgen Drews gefeiert. Für die Braut singt er "Ich bau’ dir ein Schloss". Das Lied ist nicht von Heintje, das ist das neueste Lied von Jürgen.
Alte Eurovisionslieder singt Guildo Horn, stabilisiert von seiner Hausband, den Orthopädischen Strümpfen. Jetzt bekommt das Herforder Schlagerfestival Niveau, denn Guildo ist Pädagoge. Er stellt eine Klatschordnung auf und gibt den Liedern einen soziopolitischen Überbau. Auch Gruppen-Dynamik, rhythmisches Hüpfen, gehört zur Musik-Therapie des Meisters. Die Überraschung des Abends ist "Er gehört zu mir", intoniert mit Kuhglöckchen. Und wenn er einen Flippers-Song singt, tut das gar nicht so weh.