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08.01.2010
KREIS HERFORD/HAMBURG
Zeitenzeugen aus dem Moor
Bünder Archäologe schreibt Monographie über Moorleichen
VON RALF BITTNER

Der Tollund-Mann | FOTO: SILKEBORG KULTURHISTORISKE MUSEUM

Kreis Herford/Hamburg. Mehr als tausend Moorleichen haben Torfstecher in den vergangenen Jahrhunderten zu Tage gefördert. Die meisten lebten in den Jahrhunderten um Christi Geburt, viele starben eines grausamen Todes. Der in Bünde geborene und in Hamburg lebende Archäologe Thomas Brock hat für sein Buch "Moorleichen. Zeugen vergangener Jahrtausende" neueste Erkenntnisse und umfangreiches Bildmaterial zusammengetragen.

Brocks Buch gibt einen Überblick über die europäischen Fundstätten der oft erstaunlich gut erhaltenen Moorleichen, die größtenteils in den Mooren Dänemarks, Norddeutschlands, der Niederlande und der Britischen Inseln gefunden wurden. Viele wurden erschlagen, erstochen, erhängt oder enthauptet. Die oft grausamen Umstände des Todes boten immer wieder Stoff für wissenschaftliche Theorien und Schauergeschichten um die mysteriösen Toten aus dem Moor.

Brock dokumentiert frühe Entdeckungen und stellt exemplarische Funde aus Stein-, Bronze- und Eisenzeit, Mittelalter und Neuzeit vor und behält dabei auch Irrungen, Wirrungen, Probleme und neue Ansätze der Forschung im Blick.

Die oft hervorragend konservierten Leichen gewähren erstaunliche Einblicke in vergangene Lebenswelten, bleiben jedoch die Antwort auf die Frage nach dem "Warum" ihrer separierten Bestattung schuldig. Neben Menschen, die vom Weg abkamen, vom Moor verschluckt und oft erst Jahrhunderte später wieder frei gegeben wurden, sind es vor allem die eines gewaltsamen Todes gestorbenen, die Anlass für Spekulationen gegeben haben: Hinweise auf das Versenken im Moor als Strafe finden sich bereits bei den Römern, auch Strafopfer- und Opferthesen werden immer wieder formuliert.

Im Mittelalter und früher Neuzeit verbreitete sich die Angst vor Wiedergängern – eine weitere Erklärung dafür, dass immer wieder Menschen abseits der Gemeinschaft zur letzten Ruhe gebettet wurden. Dabei folgten Forscher immer wieder falschen Fährten, teilweise wurden sogar Leichenfunde oder "Forschungsergebnisse" frei erfunden.

Die Haltungen vieler Leichen deuten darauf hin, dass es sich – bis auf die entlegene Lage im Moor – um normale Gräber handeln dürfte, was die meisten der Bestatteten zu sogenannten "Randständigen" machen dürfte, Menschen, die nicht auf den Friedhöfen der Gemeinschaften bestattet werden durften – Selbstmörder, Aussätzige oder eben auch Hingerichtete.

Der reich bebilderte, 143 seiten starke Band, bietet einen hervorragenden Einstig in eine faszinierende Materie. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse machen es möglich, sich den "Mythos aus dem Nebelland" neu zu erschließen.

Thomas Brock: "Moorleichen. Zeugen vergangener Jahrtausende", Archäologie in Deutschland, Sonderheft 2009, Theiss, Stuttgart, 143 Seiten, 24,90 Euro ISBN: 978-3-8062-2205-0


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