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06.05.2010
ENGER/SPENGE
Generation Zukunft
Junge Türkin möchte studieren / 20 Prozent der Türken in Deutschland sprechen kaum deutsch
VON ARIANE MÖNIKES

In Deutschland angekommen | FOTO: ARIANE MÖNIKES / MONTAGE: KATHRIN BRINKMANN

Enger/Spenge. Sinem Zehir hat ihr dunkles Haar zu einem Zopf gebunden. Sie trägt große Ohrringe und modische Jeans. Die 20-Jährige ist bildhübsch. Die Türkin spricht perfekt deutsch, hat Fach-Abitur und möchte im nächsten Jahr studieren.

Türken haben in Deutschland immer noch große Integrationsprobleme. Jeder fünfte spreche nur mangelhaft oder gar kein deutsch, heißt es in einer aktuellen Untersuchung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. "Das ist traurig", sagt Sinem Zehir, die mit ihren Eltern und zwei Geschwistern in einer großen Wohnung mit Waldblick in Belke-Steinbeck lebt.

Die 20-Jährige steht auf der Sonnenseite des Lebens. Sie macht eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei einem großen Mode-Unternehmen in Herford. Sie hat viele Freunde und fühlt sich wohl in dem Land, desen Name in ihrem Personalausweis nicht eingetragen ist. "Ich sehe mich zu 60 Prozent als Türkin und zu 40 Prozent als Deutsche", sagt Sinem Zehir. "Es hat sich mir nie die Frage gestellt, einen deutschen Pass zu beantragen."

Trotzdem ist Sinem Zehir angekommen. In Deutschland. Die Sprache habe sie "eher nebenbei erlernt". Ihre Eltern sprache mit ihr als Kind zunächst türkisch. "Als ich geboren wurde, konnten sie noch nicht so gut Deutsch wie heute", sagt die Auszubildende.
In Kindergarten und Grundschule schnappte sie dann deutsche Wörter auf. "Ich habe die Sprache schnell gelernt, hatte aber auch schon früh viele deutsche Freunde. Das hat mir vieles erleichtert."

Aber nicht allen geht es so wie Sinem Zehir. Die Hälfte der Türken pflegt laut Studie keine häufigen Kontakte zur deutschen Bevölkerung. Sinem Zehir spielte am Gymnasium in einer Mädchenmannschaft Fußball, später Volleyball beim TVC Enger. Sie wurde akzeptiert, ihre Staatsangehörigkeit spielte keine Rolle. "Ich habe mich nie als Außenseiter gefühlt. Bis heute nicht", sagt sie.

Seyfettin Kara (33) ist Vorsitzender des Engeraner Schach-Klubs "Wittekinds Knappen" und im Vorstand der türkischen Gemeinde Spenge. Er wurde in Deutschland geboren, seine Eltern stammen wie die von Sinem Zehir aus der Türkei. Zuhause wurde nur türkisch gesprochen. Sein deutsches Umfeld half ihm, auch die deutsche Sprache zu erlernen. Kara: "Mit zehn Jahren bin ich zum ersten Mal zur Schachgemeinschaft Enger-Spenge gegangen. Die Freunde dort haben mir geholfen, die deutsche Sprache besser zu sprechen." Vereine seien für Migranten die beste Möglichkeit, die deutsche Sprache zu lernen. "Allerdings sollte das Türkisch nicht vernachlässigt werden. Denn wer zweisprachig aufwächst, der hat im Berufsleben gute Chancen", sagt Kara.

Sinem Zehir spricht beide Sprachen perfekt. Sie hofft, dadurch auch bessere Karrierechancen zu haben. Mit ihrer Ausbildung hat sich die 20-Jährige bereits einen Traum erfüllt: "Es macht Spaß, in der Modewelt zu arbeiten. Der Alltag ist abwechslungsreich und ich kann viele eigene Ideen einbringen."

Nächstes Jahr im Sommer möchte die Engeranerin studieren, Arabistik oder Wirtschaftswissenschaften. "Ich will mich weiterbilden, noch mehr lernen. So habe ich auch bessere Aufstiegschancen." Ihre Eltern unterstützen die Tochter. "Sie sind stolz, wenn ich studiere", sagt sie.

Mit ihrem Bruder Melih (9) und Schwester Zehra (1) versucht Sinem Zehir so viel deutsch wie möglich zu sprechen. "Ich finde es wichtig, dass Kinder mit Migrationshintergrund hier zuerst die deutsche Sprache lernen", sagt sie.

Auch für ihre Geschwister wünscht sich die junge Frau einen guten Bildungsabschluss. "Das ist das Tor zur Welt", sagt Sinem Zehir. Lediglich 41 Prozent der Türken besitzen der Studie zufolge eine mittlere oder hohe Schulbildung. "Ich wünsche mir, es wären mehr."
Sinem Zehir hat die Beine übereinandergeschlagen, lehnt sich auf der Bank im Vorgarten zurück. Sie schaut in den strahlend blauen Himmel. Und in eine Zukunft als Akademikerin.
    


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