Enger. Gegen Reisen in die große, weite Welt voller fremder Eindrücke hat Rosemarie Brandt nichts einzuwenden, denn "die haben ihre eigenen Qualitäten". Dabei geht es allerdings nur zum Teil um Erholung und viel mehr um die Neugier auf das Unbekannte und Anregungen durch unvertraute Orte und Menschen: "Dann bin ich auch gern mal in einer Großstadt." Auf der Suche nach Entspannung muss die Engeranerin aber nicht weit fahren.
Spazierengehen, wandern, Rad fahren, immer um den eigenen Wohnort herum - das mag langweilig sein, wenn man auf Spektakuläres aus ist. Wer aber auf etwas anderes Wert legt, findet leicht eine Fülle von erholsamen Elementen auf kurzen Wegen. Rosemarie Brandt ruht auf diese Weise fast täglich Augen, Ohren und Hirn aus.
"Es gibt eine ganze Reihe von Punkten um Enger und Spenge, von denen aus ich sehr gern ins Weite gucke", sagt sie. "Ich spüre dann richtig, wie entspannend das für meine Augen ist, denn Druckbuchstaben, Bildschirme und die alltägliche Bilderflut an Straßen und in Supermärkten sind doch ganz schön anstrengend."
Angenehme Orte findet sie zu Fuß in Oldinghausen, Pödinghausen, Dreyen, Besenkamp, Siele und Herringhausen oder mit dem Rad in Hücker-Aschen und Bardüttingdorf. Ein kurzer Weg führt für sie hinter den Friedhof an der Gliemke, mit Blick ins Wiehengebirge, ein etwas längerer zum Roten Kotten in Pödinghausen oder zum Ringsthof.
Über den Gehlenbrink kommt man ganz einfach mitten ins "Paradies" ("Das heißt völlig zu Recht so!") oberhalb vom Hücker Moor oder hinter den Sportplatz in Hücker-Aschen. "Da gibt es ein tolles Wiehengebirgspanorama mit Hoyeler Kirchturm." Auf der anderen Seite hat man vom südlichen Spenge aus den Teutoburger Wald vor sich.
Neben der wohltuenden Weite der hügeligen Landschaft, zu der manchmal auch vielfältige Wolkengebilde gehören, machen der Engeranerin auch die ganz kleinen Funde Freude: wie gedrechselt wirkende Baumrinden von alten Weiden oder Pappeln oder Phantasie anregende Naturbilder in glatten Buchenstämmen. "Wildkräuter an Feldrändern gibt es bei uns hier leider wenig", hat sie beobachtet, "aber ich finde trotzdem immer was Interessantes." Auf einem Feldweg in Dreyen etwa, vorbei an kauzigen krummen Weiden, steht man unerwartet vor einem kleinen Teich mit romantischer Schilfumrandung. Zur richtigen Zeit kann man unterwegs Wildkirschen essen oder Birnen aufsammeln. Felder mit Gerste können wie ein kleines Meer aussehen, wenn der Wind durch die haarigen Ähren streicht. "Wenn man sich langsam fortbewegt", weiß Rosemarie Brandt, "nimmt man auch viel aufmerksamer wahr, wie das Licht sich verändert und was die Jahreszeiten aus der Gegend machen. Alles sieht immer wieder anders aus, und darum wird es mir auch nicht langweilig.
Was für die Augen gilt, schafft die Stille an günstigen Stellen auch für die Ohren: "Im Straßenverkehr kann ich keine Frösche quaken, Bäche murmeln oder Vögel singen hören. Ich bin froh, dass ich das alles überhaupt noch finden kann. Ohrenstöpsel mit künstlichen Tönen würden mir diese kleinen Genüsse kaputt machen."
Nicht nur Augen und Ohren profitieren von dieser Art der Naherholung: "Ich bin dadurch viel in Bewegung und draußen. Dann habe ich automatisch rundum, was der Mensch braucht, vor allem wenn der Kopf angefüllt ist mit Arbeit und Verpflichtungen. Wenn man die Gedanken einfach laufen lassen kann oder auch mal gar nichts denkt, dann ist der Kopf wieder frei für was Neues. Und dann kommt auch was Neues."