Spenge. Die Enttäuschung war groß, als Avetis Galstyan hörte, er muss nach Spenge. "Ich habe die Stadt auf der Karte gar nicht gefunden", erklärt der Armenier. Mittlerweile hat er 4.000 Kilometer überbrückt und entdeckt, dass es Spenge wirklich gibt. "Und es ist sogar richtig schön hier", sagt Galstyan lachend. Im Rahmen des Programms "Pädagogischer Austauschdienst" der Kultusminister-Konferenz ist der armenische Deutschlehrer für drei Wochen an der Regenbogen-Gesamtschule Spenge.
"Hier soll er den deutschen Schulalltag kennenlernen", erklärt Jochen Momberg. Der Sprachenkoordinator der Schule bewarb sich das dritte Mal darum, einen Austauschlehrer aus dem Ausland zu bekommen - dieses Mal erfolgreich. "Das ist eine große und neue Erfahrung für uns", sagt Momberg. "Ich bin sehr neugierig." Und Avetis Galstyan kann viel erzählen - fließend auf Deutsch.
Wie die Hälfte der armenischen Schüler hat er Deutsch in der Schule gelernt. "Anfangs war ich nicht begeistert und sehr schlecht. Erst während des Studiums machte mir die Sprache richtig Spaß", sagt Galstyan.
Seitdem ist er Deutschlehrer mit Leib und Seele. Galstyan unterrichtet als einziger Deutschlehrer an einer Oberschule in Artik, einer kleinen Stadt 120 Kilometer von der Hauptstadt Jerewan entfernt. "Nebenbei dolmetsche ich und gebe Privatunterricht", berichtet der 49-Jährige. Denn anders als in Deutschland könne ein Lehrer in Armenien allein vom Lehrergehalt nicht leben. "Dazu habe ich auch noch sechs Kinder", sagt Galstyan schmunzelnd. "Die übrigens auch alle Deutsch sprechen. Allerdings nur, wenn ich nicht dabei bin", berichtet er. "Vielleicht haben sie Angst, dass ich es besser weiß", mutmaßt Galstyan.
Der Armenier hat sich im Laufe der Zeit einige Kniffe ausgedacht - vor allem, um die deutsche Grammatik leichter zu vermitteln. "Ich mache das spielerisch. Das bleibt den Schülern im Kopf", erklärt der Pädagoge. Von diesen Kniffen konnten auch schon die Lehrer in Leverkusen und Berlin profitieren. Dort war er auch als Austauschlehrer. "Eine Lehrerin hatte Schwierigkeiten, ihren Schülern den Satzaufbau zu erklären. Da bin ich eingesprungen." Und die Lehrerin sei begeistert gewesen. So habe sie das noch nie gesehen. "Er sieht alles in Deutschland aus einer anderen Perspektive. Deshalb ist es so wertvoll, dass er hier ist", sagt Momberg. "Wir versprechen uns viele neue Anregungen voneinander."
Galstyan hospitiert in verschiedenen Etappen. Der Pädagoge soll die Sprachtestverfahren im Kindergarten und die Sprach-Förderprogramme der Grundschulen kennenlernen. In der Sekundarstufe I wird er in den Fächern Sozialwissenschaften, Deutsch, Geschichte und Erdkunde über sein Land berichten. "Dazu habe ich Musik und viele Dias im Gepäck", berichtet Galstyan. "Neben vielen Gastgeschenken für die Spenger und Leverkusener", fügt Momberg schmunzelnd hinzu.
Der armenische Pädagoge besucht an einem Wochenende eine Kollegin aus Leverkusen, mit der er seit Jahren in Kontakt steht. Zusammen gehts am 11.11. zum Karneval nach Köln. "Davon hat sie mir erzählt. Das muss ich erleben", sagt Galstyan.