Gütersloh (röß). Gegen die Angst vor dem Tod half Anne Frank der Anblick des Lebens vor dem schmalen Dachfenster ihrer Zuflucht in Amsterdam: fliegende Möwen, ein Kastanienbaum, Tau auf den Zweigen. So steht es im Tagebuch der jüdischen Schülerin aus dem Jahr 1944, die sich jahrelang mit ihrer Familie in einem engen Hinterhaus vor den nationalsozialistischen Besatzern verbergen musste. Ein Ableger des von ihr beschriebenen Baumes wächst jetzt neben der Sporthalle der Anne-Frank-Gesamtschule in Gütersloh.
Die Schüler der Garten-AG pflanzten den mehr als einen halben Meter hohen Setzling in den Schulgarten. "Das Bäumchen kam per Post aus Holland", erzählt der 13-jährige Theogougoussis. Das niederländische Anne-Frank-Haus hatte Schulen angeschrieben, die den Namen der bekannten Tagebuchschreiberin tragen. Seit Herbst vergangenen Jahres pflegen die Jugendlichen den Setzling bereits im Gewächshaus der Schule. Jetzt erlaubte die Witterung, den Sämling ins Freie zu setzen - 243 Kilometer von seinem Mutterbaum entfernt.
Bei der feierlichen Pflanzung lasen die Schüler Michael Lange und Christopher Polcho sowie Kimberley Buchholz und Cagri Civak vor ihren Lehrern aus dem Tagebuch der Anne Frank. In drei Absätzen schreibt die damals 15-Jährige über den Baum, so auch am 23. Februar 1944: "Von meinem Sitzplatz auf dem Fußboden sehe ich ein Stück vom blauen Himmel, sehe den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen schillern, und die Möwen, die in ihrem eleganten Gleitflug wie aus Silber scheinen. Solange es das noch gibt, darf ich nicht traurig sein."
Der heute 150 Jahre alte Anne-Frank-Baum ist mittlerweile die vermutlich älteste Kastanie Amsterdams. Ein Pilz-Befall schädigte die Pflanze so stark, dass der Stadtrat 2006 die Erlaubnis zum Fällen gab. Zahlreiche Bürger protestierten. Daher stützt die Stadt seit vergangenem Jahr die Kastanie mit einem Gerüst. "In diesem Sommer steht der Anne-Frank-Baum wieder in voller Blüte", berichtete Schulleiterin Jutta Obbelode. Falls der Pilz dennoch eines Tages die Kastanie besiegt, wächst seit gestern ein Nachfolger im Garten der Anne-Frank-Gesamtschule heran - und erinnert an die Schriften und das kurze Leben der jungen Autorin, die im Alter von 16 Jahren von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet wurde.