Gütersloh. Rotkäppchen-Sekt, Spee-Waschmittel oder Hasseröder Pils – seit die Mauer vor 20 Jahren fiel, werden einige Produkte der Planwirtschaft bei den Gütersloher Kunden immer beliebter. Und auf der DDR-Party in Harsewinkel tanzen jedes Jahr hunderte Gäste unter Sowjetflaggen in den Tag der Einheit und trinken roten Ampelmännchen-Likör. Regimekritische Töne sind dabei selten.
Viele Leckereien aus dem Sozialismus haben die Wende überlebt. "Das Zwiebelfleisch aus Neuruppin kommt in fast jeden unserer Präsentkörbe", sagt Angelika Johanning, die seit 15 Jahren bei Feinkost-Schenke arbeitet. Liebhaber ostdeutscher Delikatessen sind hartnäckig: Mehrere Kunden forderten so lange die Paprika-Tomatensoße "Letscho", bis das DDR-Produkt in den Regalen stand – ebenso wie die Grabower Schokoküsse. Dass Zigaretten der Marke "Kabinett" und "F 6" aus Dresden auch bei alteingesessenen Güterslohern beliebt sind, hat hingegen nicht nur geschmackliche Gründe: "Die Ost-Marken sind eben günstiger", sagt Tabakverkäuferin Nadine Schmidtkord von "Lotto-Droigk".
Auch die DDR-Märchenvideos aus den "volkseigenen" Studios in Potsdam-Babelsberg sind keine Ladenhüter in Gütersloh. In der Stadtbücherei werden "Der kleine Muck", "Rotkäppchen" oder "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" regelmäßig ausgeliehen. "Die Filme waren damals gut gemacht und werden auch heute noch oft mitgenommen", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Petra Imwinkelried: "Wir haben unsere Videokassetten vor kurzem zugunsten neuer DVDs aus dem Programm genommen, sonst hätten wir noch mehr DDR-Produktionen."
Eine Fachfrau für DDR-Waren hat ihre Zelte in Gütersloh allerdings längst abgebaut: Mandy Packebusch verkaufte von August 1993 bis September 1995 im "Ost-Shop" in Avenwedde ausschließlich Produkte aus den neuen Bundesländern. Dann teilte der Laden das Schicksal des Staates, aus dem seine Ware stammte. Auch die Hauptstelle des "Ost-Shops" im thüringischen Schmalkalden ist im dortigen Handelsregister laut Ordnungsamt nicht mehr registriert.
Eine andere Anlaufstelle für Gütersloher Ostalgiker hat sich indessen besser gehalten: Auch im Jubiläumsjahr des Mauerfalls laden die Fetenorganisatoren von "Noa" wieder zur "DDR-Party" in Harsewinkel, deren Gäste nur mit gültigem "Visum" vom "Grenzposten" in die Mehrzweckhalle gelassen werden. Kellnerinnen in FDJ-Leibchen bedienten im vergangenen Jahr rund 900 Besucher mit dem Starkbier "Roter Oktober" oder giftgrünem Pfeffi-Likör und gegen Mitternacht tanzte das Publikum zur Musik des "Stasi-Orchesters", das "Auferstanden aus Ruinen" und die Sozialistische Internationale intonierte. Veranstalter Frank Brune plant bereits für Freitag, den 2. Oktober: "Diesmal wollen wir ein Udo Lindenberg-Double, das den "Sonderzug nach Pankow" singt." In diesen Genuss sind DDR-Bürger zur Zeit des ostdeutschen Staates nie gekommen.
Ihre Partydeko haben die Veranstalter mangels Gütersloher Angebot beim Ostprodukt-Versandhandel im Internet bestellt. Dort gibt es neben einem Sportanzug der Nationalen Volksarmee, oder Ampelmännchen-Nudeln auch den "großen Fotodruck" von Parteibonze Erich Honecker für den Nachttisch. Nur wenige der Artikel durchbrechen die ostalgische Verklärung der Einparteiendiktatur: Allein die DVD-Doku "Todesstreifen" thematisiert die innerdeutsche Grenze, an der laut der Zentralen Erfassungsstelle in Salzgitter vom Kriegsende bis zum Mauerfall insgesamt 872 Menschen starben. Die meisten davon Flüchtlinge aus der DDR.