Gütersloh. Der Berliner Platz ist zur Opernbühne geworden. Aus elf Boxen, die an den Laternenmasten rund um den Platz hängen, schallen Arien von Verdi, Mozart und Leoncavallo: Gesungen von den Finalisten der "Neuen Stimmen" von 2007. Eine Aktion der Bertelsmann-Stiftung, um auf ihren Wettbewerb aufmerksam zu machen. Doch die Musik, sie klingelt manchem allzu arg in den Ohren.
"Das ist einfach nur noch nervig. Wir stehen hier kurz vor der Depression", sagt eine Frau, die ein Geschäft am Berliner Platz betreibt. "Es geht mir gar nicht um die Lautstärke, aber sich den ganzen Tag Arien anhören zu müssen, das ist schon schwere Kost. Außerdem kommen ständig Leute in meinen Laden und fragen, was das genau ist und woher der Gesang kommt."
Von 10 bis 18 Uhr laufen die Arien. Die Anlage, die die CD der "Neuen Stimmen 2007" in einer Endlosschleife abspielt, steht in der Kreismusikschule oberhalb der City-Wache. Bis einschließlich Samstag soll sie rotieren.
"Wir wollen die ,Neuen Stimmen’ nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar machen und Gütersloh stärker als Kulturstandort positionieren", sagt die Projektverantwortliche der Bertelsmann-Stiftung. Die Beschallung erfolge in Absprache mit Kulturdezernent Andreas Kimpel, und von den Bürgern habe sie bislang nur Positives vernommen. "Wir fühlen uns durch die Reaktionen eher bestärkt."
Für Josef Bückert, der mit seinem elektrischen Rollstuhl bei schönem Wetter gerne ein paar Stunden auf dem Berliner Platz verbringt, ist die Dauerbeschallung indes ein Problem. "Man kann es sich sicherlich anhören, und Geschmäcker sind verschieden, aber den ganzen Tag kann ich das nicht am Kopf haben." Wie zum Beleg erfuhr die NW, dass einige Geschäftsleute, die am Platz ihre Büros haben, trotz Sonnenscheins die Fenster schlossen, um ihre Ruhe zu haben.
Doch es gibt auch positive Stimmen. "Mir ist die Musik am Dienstagabend aufgefallen", sagt Renate Chwal, die als Künstleragentin arbeitet und bei den "Neuen Stimmen" nach Talenten sucht. "Mir geht es nicht auf den Keks. Ich finde es gut als Kulisse und sehr schön, dass so dezent auf die ,Neuen Stimmen’ aufmerksam gemacht wird."
Aus Sicht der Stadt ist die Dauerbeschallung eine "interessante Idee". Man habe die Genehmigung zügig erteilt, sagte Thomas Habig, Leiter Fachbereich Ordnung, "allerdings verbunden mit der Auflage, dass eine gedämpfte Lautstärke nicht überschritten wird".
Laut Aussage seines Kollegen habe es bislang erst eine Beschwerde gegeben, die beziehe sich allerdings lediglich darauf, dass die Qualität der Lautsprecherboxen zu schlecht sei, um Opernmusik darüber abzuspielen. Die Dauerbeschallung steht laut Habig nicht im Widerspruch zur ordnungsbehördlichen Verordnung, wonach in Gütersloh Straßenmusikanten wegen der Gefahr von Lärmbelästigung alle 30 Minuten ihren Standort wechseln müssen.
"Ich finde die Idee gut und interessant", sagt auch Marktbeschickerin Gerlinde Höner, die auch heute ihren Stand auf dem Berliner Platz aufbauen wird. "Ich mag auch klassische Musik. Nur frage ich mich, ob es den gesamten Tag über angenehm ist."