Gütersloh. Auch heute noch engagiert sich der Topmanager Hartmut Ostrowski nicht nur als Vizevorsitzender für den lokalen Fußballverein. Häufig taucht er mit seinem Hund am Dornberger Spielfeldrand auf, um die Kicker aus nächster Nähe zu beobachten. Kürzlich sorgte Ostrowski bei der Verleihung des OWL-Innovationspreises in Bielefeld daher umso mehr für große Verwunderung, als er sich ausgerechnet über den Sieg eines französischen Fußballclubs ein Loch in den Bauch freute ("Der Gewinn macht uns große Freude"), nachdem er zuvor die heimische Region gelobt hatte, "die außerhalb unserer Heimat so gern unterschätzt wird – wie Arminia Bielefeld und der TBV Lemgo".
Das Interesse des Bertelsmann-Chefs an dem französischen Fußballclub liegt weniger in seiner möglichen Vorliebe für guten Bordeaux begründet, den die Fußballer direkt vor ihrer Haustür haben. Der französische Meister Girondins Bordeaux (FCGB), der soeben den FC Bayern in der Champions League mit 2:0 vom Platz gefegt hatte, hat für Ostrowski vielmehr eine wirtschaftliche Bedeutung. Der französische Fußballmeister, den der Ex-Fußballnationalspieler und Ex-Weltmeister von 1998 Laurent Blanc in der Ligue 1 trainiert, gehört Bertelsmann.
Der Gütersloher Konzern spielt also in einer Liga mit prominenten Sport-Investoren wie dem russischen Milliardär Roman Abramowitsch (FC Chelsea) oder Italiens Silvio Berlusconi (AC Mailand). Und Bordeaux, der Verein, der seit 1881 existiert und seit 1919 eine Fußballabteilung hat, ist zurzeit sehr erfolgreich. Er wurde in der Saison 2008/2009 nicht nur Meister, sondern heimste auch noch den Ligapokal und die Qualifikation für die Champions League ein. Jetzt hat er sich durch zwei Siege gegen den FC Bayern München für das Achtelfinale der Champions League qualifiziert.
"Girondins Bordeaux ist sportlich erfolgreich", sagt RTL-Sprecher Oliver Herrgesell. Das bisherige Geschäft zeige, dass der Bertelsmann-Einstieg "ein gutes Investment ist". Dabei sei das Fußballgeschäft aufgrund der Verletzungen der Spieler und falscher Schiedsrichterentscheidungen mit mehr Risiken behaftet und damit prinzipiell ein "volatiles Geschäft". Doch der Gütersloher Medienkonzern habe sich nach einem vorgelegten Geschäftsplan für dieses Investment entschieden.
Als Mehrheitseigner der RTL-Gruppe (90,4 Prozent) ist Bertelsmann größter Aktionär des französischen Fernsehsenders M6 (48,5 Prozent), der unter dem Namen Métropole Télévision nach TF1 der zweitgrößte Privatsender Frankreichs ist und populäre Fernsehserien wie "Desperate Housewives" und "Sex and the City" ausstrahlt sowie die "Super Nanny" produziert. Dem Sender, der seit 1994 an der Pariser Börse notiert ist, gehört der Fußballverein schon seit zehn Jahren. Die M6-Gruppe ist einer der wesentlichen Ergebnisträger der RTL-Gruppe. Zur M6-Gruppe gehört M6 Foot als 100-prozentige Tochter. "Dieses Tochterunternehmen hat mit dem Fußballclub ihren einzigen Geschäftszweck", heißt es in Luxemburg.Der Verein, der seit Sommer 2008 einen eigenen Fernsehkanal (Girondins TV) für seine Fans hat, ist profitabel und schreibt – anders als etwa der deutsche Fußball-Bundesligist Schalke 04 – schwarze Zahlen. Die Blau-Weißen aus Bordeaux wirtschaften ganz im Sinne der Gütersloher mit bescheidenem Budget im internationalen Vergleich. 91 Millionen Euro sind laut Deutschlandfunk für die laufende Saison veranschlagt.
Über die Konzerntochter Ufa Sports ist Bertelsmann seit Jahren im Sportmarketing aktiv, vermarktete etwa Hertha BSC und Borussia Dortmund. Doch in Bordeaux ist der Konzern Miteigentümer, und der Bertelsmann-Chef, der dem Medienriesen wegen der Wirtschaftskrise ein striktes Sparprogramm verordnete, hat allen Grund zum Jubeln. Der Umsatz von M6 Foot betrug im vergangenen Jahr 78,5 Millionen Euro – 2007 waren es erst 60,9 Millionen Euro. Sportlicher Erfolg lässt die Kassen klingeln. Ticketverkauf, TV-Rechte, Merchandising und Sponsoring steigern den Umsatz. Gleichzeitig wurde in Spieler investiert. Dies drückte den Ergebnisbeitrag (Ebita) 2008 auf immerhin noch 5,6 Millionen nach 12,0 Millionen Euro 2007.
Zu den Topspielern des Vereins zählt Yoann Gourcuff. Der 23-jährige Nationalspieler, der zum besten Spieler der französischen Meisterschaft gewählt wurde, bleibt dem Verein auch in der Saison 2009/2010 erhalten. 15 Millionen Euro zahlte der FCGB, um seine Rückkehr zum AC Mailand zu verhindern.
Fernsehsender M6 an Pariser Börse
Der Fußballklub Girondins Bordeaux gehört dem französischen Free-TV-Sender M6 und damit letztlich Bertelsmann. Der Privatsender, der zu 48,56 Prozent der Bertelsmann-Tochter RTL gehört und zu 45,98 Prozent an der Börse notiert ist, machte im vergangenen Jahr 664,6 Millionen Euro Umsatz. Zur M6-Gruppe (1,36 Milliarden Euro Umsatz) gehören neben dem Hauptsender M6 zahlreiche digitale Kanäle (W9, Téva, Paris Première) sowie ein Mobilfunkanbieter (M6 Mobile), Rechtehandel und Homeshopping-Aktivitäten. Im ersten Halbjahr 2009 erzielte die Gruppe M6 rund 45 Prozent ihres Umsatzes durch nicht werbeabhängige Erlöse. "In Europa war die Gruppe M6 wohl das einzige Rundfunkunternehmen mit dem Kerngeschäft Free-TV, das im ersten Halbjahr 2009 den operativen Gewinn gesteigert hat", heißt es in Luxemburg. Die RTL-Gruppe besitze Rechte am Sender M6 seit dessen Start im Jahr 1986.