Gütersloh (upo). Auf dem Dach der Tönnies Firmenzentrale in Rheda-Wiedenbrück dreht sich das Firmenlogo mit fröhlich lächelnden Tieren munter im Kreis. Gut zwölf Kilometer Luftlinie entfernt springen hingegen die Bewohner von Avenwedde-Bahnhof im Dreieck, denn die geplante Ausdehnung der Schlachtkapazität im 2006 von Hüsing-Knopp übernommenen Schlachthof am Kanarienweg schmeckt ihnen ganz und gar nicht.
"Das Maß des Zumutbaren ist überschritten", sagte Ingo Achtelik, Sprecher der Anlieger, gestern bei der Übergabe von 850, innerhalb von drei Wochen gesammelten, Unterschriften an Landrat Sven-Georg Adenauer. Die geplante Ausweitung der Schlachtleistung von derzeit 50 auf 120 Tonnen pro Tag wäre eine sechsfache Erhöhung der 1976 bei der Inbetriebnahme des Schlachthofes erteilten Genehmigung. Die Lärm- und Geruchsbelästigung sei schon jetzt unerträglich und ziehe sich durch die Kanalisation die gesamte Friedrichsdorfer Straße bis zum Bahnhof hinauf.
"Ich wohne seit fast 60 Jahren nur 200 Meter entfernt am Drosselweg. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, welche Folgen eine Erhöhung der Schlachtleistung haben würden", sagte Anwohnerin Ulla Clausen. Vom 1. bis zum 16. Juli hat sie jede Geruchsbelästigung schriftlich erfasst. Die Liste zählt 14 Einträge, aufgeschrieben zwischen 7 und 22 Uhr.
"Zudem werden die Betriebszeiten nicht eingehalten. Statt um sechs Uhr geht es meistens schon um viertel nach fünf los", sagte Achtelik. Eine Erhöhung der Kapazität würde wohl dazu führen, dass auch am Samstag Rinder geschlachtet werden.
Landrat Adenauer nahm die Unterschriftenliste im Kreishaus entgegen, konnte jedoch keine Versprechungen machen. "Wir prüfen das ganz fachlich, sachlich und emotionslos. Wir müssen uns da an Gesetze halten, ich kann daher jetzt keine Tendenz von mir geben", sagte der Landrat. Der politische Wille sei hier nicht entscheidend, allein Recht und Gesetz geben den Ausschlag.
"Die Entscheidung wird ohnehin frühestens einen Monat nach dem Erörterungstermin im Rathaus am 21. September um 10 Uhr erfolgen", sagte Gesa Gruetzmacher, Sachgebietsleitung Immissionsschutz.
Viele Anwohner fürchten nicht nur den Verlust von Lebensqualität, sondern auch eine Wertminderung ihres Eigentums. "Mein Haus könnte ich nicht einmal verschenken. Wer will denn da wohnen, wo es den ganzen Tag stinkt", sagte Clausen. Der Dialog mit dem Unternehmen sei schwierig. Vor zwei Jahren geäußerte Pläne des Unternehmens, die Rinderschlachtung spätestens 2013 zentral am Firmensitz in Rheda und somit nicht mehr in Avenwedde-Bahnhof und Beckum durchzuführen, erscheinen angesichts der angestrebten Schlachtmenge wenig realistisch. "Wenn nicht Tönnies, dann eben ein anderer Betrieb", sagte Achtelik. Wäre die Erhöhung erst einmal genehmigt, würde sie, von wem auch immer, genutzt werden.