Gütersloh. Sergej Fedoseer trägt ein blütenweißes, akkurat gebügeltes Diensthemd. Seine Frisur liegt tadellos, die Bügelfalten seiner grauen Hose haben trotz 30 Grad Hitze nichts von ihrer Zackigkeit eingebüßt. Der 47-Jährige ist aufgeräumter Stimmung, so wie jeden Tag. Im Vorbeigehen grüßt er die am dem ZOB wartenden Fahrgäste, mal mit Zuruf, mal mit Handschlag. So wie jeden Tag. Am 31. August wird er es zum letzten Mal tun. Güterslohs beliebtester Busfahrer wird versetzt.
Ilona Akyüz ist einer seiner größten Fans. Mit ihren Freundinnen hat die 16-Jährige fast 200 Unterschriften gesammelt - gegen die Versetzung des Busfahrers. Ungewöhnlich. Denn das Verhältnis zwischen gestressten Busfahren und Horden drängelnder, lautstarker und zuweilen offenbar ebenso gestressten Schülern ist im allgemeinen nicht von Zuneigung geprägt.
Das weiß auch Ilona. Sie räumt ein, dass manchmal bewusst provoziert werde. Das Drücken des Haltesignals, auch wenn niemand aussteigen wolle, gehöre zu den beliebtesten Schikanen. Das Werfen von Getränkedosen ebenfalls.
Doch die Schuld sei nicht einseitig. "Viele Busfahrer schauen zur anderen Seite, wenn man ihnen, wie vorgeschrieben, die Karten zeigt." Respektlos findet Ilona das. Erst vor kurzem sei der in Folie eingeschweißte Fahrtausweis eines Mitschülers beanstandet worden, gar per Handy fotografiert, nur weil er nicht einwandfrei sauber gewesen sei.
Jeder fährt wieder für sich
Die 2002 von der Bielefelder MoBiel und den Gütersloher Stadtwerken gegründete MoBiel Service GmbH (MSG) wurde im Februar aufgelöst. Grund waren Proteste der in einem gemeinsamen Pool von 259 Fahrern beschäftigten Güterslohern. Sie lehnten eine Angleichung ihrer Arbeitsverträge an Bielefelder Konditionen ab. Bis Ende des Jahres werden noch MSG-Fahrer in Gütersloh unterwegs sein, dann endet die Zusammenarbeit endgültig. Die Gütersloher hatten 25,13 Prozent an der GmbH gehalten. Die Bielefelder kauften der SWG den Anteil für knapp 38.000 Euro ab.
Sergej sei anders, ganz anders. Drei- bis viermal täglich fährt sie mit ihm im Schnitt. Zur Hauptschule, zurück oder zu ihrem Wohnort an der Herzebrocker Straße. Nie habe es Stress gegeben, nicht mit ihr, nicht mit anderen. Wenn er Zeit habe vor der Abfahrt würde über dies und jenes gesprochen, auch über persönliche Probleme.
Sergej ist Busfahrer in Gütersloh mit Leib und Seele. Wenn er über den ZOB geht, wird er von allen Seiten gegrüßt. Von der älteren Dame auf der Bank vor der Apotheke, von einer Gruppe vorbeieilender der Schüler. 70 Prozent seiner Fahrgäste kenne er, sagt er und öffnet die Tür zum McDonalds. Dort ist es kühl genug für ein Gespräch. Verzehren muss er nichts. Der Schichtführer begrüßt ihn mit Handschlag. Auch die 25 Mitarbeiter haben gegen seine Versetzung protestiert. Weil es Sergej ist, der Ausgeglichene, der stets zu einem Spaß Aufgelegte, der Aufmerksame, der Zuhörende.
Ilona erzählt eine Anekdote. Wie fünf ältere, bei der Hitze sichtlich schlecht aufgelegte Damen den Bus bestiegen. Sergej habe vor der Abfahrt gefragt, ob sie wüssten, woran man einen an Schweinegrippe Infizierten erkenne. Die Damen hätten pikiert aus dem Fenster geschaut. Sergej habe sich in den Fahrgastraum umgedreht, mit einem leuchtend roten Gummi-Schweinerüssel auf der Nase. Die Damen hätten vor Lachen glatt die Hitze Vergessen.
Der Busfahrer bringe Menschen gern zum Lachen, respektiere jeden, unabhängig von seiner Herkunft oder Hautfarbe und bleibe in brenzligen Situation ruhig. Und werde genau deshalb selbst von allen respektiert, selbst von jenen, die auf Krawall aus seien. Wie der Russlanddeutsche, der russische Schimpfwörter durch den Bus schrie bis Segej, gebürtig aus Kasachstan, anhielt, die Warnblinkanlage angeschaltet und dem Jugendlichen in seiner Muttersprache erläuterte, dass er sich für ihn schäme, dass ein ganzes Volk mitunter nach dem Verhalten Einzelner beurteilt werde.
Ob die Unterschriftenliste seine Versetzung noch abwendet, ist fraglich. Die Stadtwerke (SWG) haben nach der Auflösung des mit den Bielefelder Verkehrsbetrieben gemeinsam betriebenen Fahrerpools nur 15 von 28 Busfahrern die Chance geben können, bei der SWG zu bleiben. Und zwar aus Kündigungsschutz vorzugsweise allen, die bei der MoBiel Service GmbH keinen unbefristeten oder nur einen Teilzeitvertrag hatten. Wie SWG-Sprecher Roland Stüwe erläutert, sei es nicht garantiert gewesen, dass alle Arbeitsverträge von der Bielefelder MoBiel verlängert würden.
Sergej Fedoseer hat einen unbefristeten Vertrag. Das wird ihm, der nie einen Bus außerhalb Güterslohs gefahren hat und es auch in Zukunft nicht will, nun zum Verhängnis.
Da hat sich der Fahrer echt ein Eigentor geschossen mit dem Bericht... vor allen: die Obrigkeit von moBiel liest sicherlich auch Zeitung. Na ja, mein Problem soll's nicht sein...