Gütersloh/Duisburg. Sie sind für den Ernstfall geschult – doch einen solchen Einsatz hatten die Gütersloher Malteser noch nie. Als bei der Loveparade in Duisburg am Samstagnachmittag eine Massenpanik ausbrach, bei der 19 Personen starben, waren sie nur einige hundert Meter entfernt.
Die 26 Rettungskräfte hatten ihre Unfallhilfsstelle mit der Bezeichnung 92-9 im Nordosten des Party-Geländes auf dem Terrain des alten Duisburger Güterbahnhofs. André Bechtloff war als Zugführer für diese Sanitätsstation zuständig. Er und das gesamte Team waren von den Besuchermassen durch einen Bauzaun abgetrennt. Die Akuthilfe am Ort des Grauens erledigten zwar andere Rettungskräfte. Die Stimmung und das in solchen Ausnahmesituationen üblich Chaos haben die Malteser aber nur zu genau gespürt. "Bei denen, die es mitbekommen haben, war die Partystimmung schlagartig weg", sagt Bechtloff. "Die ging sofort gegen Null."
Viele Leute seien per Handy informiert worden, dass etwas Schreckliches passiert sein soll – von Angehörigen und Freunden, die es in den Nachrichten gehört haben. "Sie haben uns gefragt, ob wir Näheres wissen", erzählt Notärztin Jutta Grabe. "Wir haben allen den Tipp gegeben, ihre Angehörigen zu informieren, damit diese sich nicht sorgen." Allerdings sei das Handynetz bis in die Nacht überlastet gewesen, lediglich Kurzmitteilungen seien durchgegangen.
Bis Sonntagnachmittag war unklar, ob unter den Opfern Personen aus dem Kreis Gütersloh sind. "Wenn so etwas passiert, da bleibt keine Zeit zu fragen, ob jemand aus der Region kommt", sagt Grabe, die ihre Hilfe am unmittelbaren Unfallort angeboten hatte.
Das wurde abgelehnt. "Wir sollten uns um unsere eigene Station kümmern", sagt die Ärztin. Da alle Fahrzeuge am Unfallort benötigt wurden, blieben manch andere bei einer Massen-Party üblichen Einsätze auf der Strecke. Gerne hätte Grabe drei Personen mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus bringen lassen. Insgesamt hatte sie 92 Patienten – der ganz normale Loveparade-Wahnsinn.
Christian Osthues und Phillipp Neuhaus waren als Besatzung eines Krankenwagens in der Nähe des Unfallorts stationiert. Einmal fuhren sie in den Tunnel, an dessen Ende sich die Tragödie ereignete. "Dann war unser ganzes Material schon verbraucht", sagt Osthues.
Unter den mehr als eine Millionen Ravern waren auch 33, die mit dem Jugendkulturring Rheda-Wiedenbrück (JKR) nach Duisburg gefahren waren. "Die sind alle wieder gut nach Hause gekommen", sagt JKR-Geschäftsführer Sebastian Jerig.
Zur Frage nach dem Sicherheitskonzept erklärt Bechtloff: "Wir können nicht beurteilen, ob die Bestimmungen ausreichend waren. Wir hatten nur unseren kleinen Bereich – und da war es okay." Das Konzept sei darauf aufgebaut gewesen, einen ganz langen Zugang zu haben, um den Besucherstrom zu regulieren. "Man wird alles genau analysieren müssen", sagt Thorsten Heß. "Aber ich weiß nicht, ob es möglich ist, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten.
Die gemachten Erfahrungen, so schlimm sie auch sein mögen, werden in zukünftige Schulungen einfließen. "Es bleibt ein ganz fahler Nachgeschmack", sagt Jutta Grabe. André Bechtloff glaubt, dass viele Helfer das Erlebte noch gar nicht realisiert haben. "Das werden wir in den nächsten Wochen aufarbeiten."