Gütersloh. Die Vielfältigkeit der Formen und Themen der Lyrik und ihrer Vortragsarten stellte Franziska Röchter in der vierten Ausgabe der Reihe Textfabrik in der Weberei vor. Natur- und Liebesgedichte, satirische und gesellschaftskritische Verse, sitzend gelesen, stehend in Slam-Manier rezitiert, auch gesungen. Es war fast zu viel, um angemessen aufgenommen werden zu können.
Bewunderung rief hervor, wie Armin Sengbusch, der sich "Schriftstehler" nennt, zwei gedankenvolle und anspielungsreiche Langgedichte auswendig darbot. Es ging um einen Menschen, der sich bei Gott beschweren will und dabei mit dem Teufel über Gott und die Welt ins Gespräch kommt, und um eine Würdigung der Familie. Der makellose Auftritt des Hamburger Slam-Poeten war ein, vielleicht der Höhepunkt des Nachmittags.
Begonnen hatte dieser ebenfalls im Slam-Stil mit dem jungen Münsteraner Jerome Arn, der "Im Strudel der Zeit", so hieß einer seiner Texte, über Redlichkeit, Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit nachdachte. Der 18-jährige Marlon Bösherz blickte, vielleicht ein klein wenig prätentiös, auf "Gedichte aus der frühen Jugend" zurück. Waren diese von Naturmetaphorik geprägt, so setzt Bösherz in späteren Liebesgedichten auf konventionell romantisches Vokabular. Mit geübter Stimme trug er auch einige Songs mit englischen Texten vor.
Die satirische Note des Nachmittags steuerte Andreas Schumacher bei, ob mit "Merksprüchen für den modernen Postboten" oder der blutigen "Schafsromanze" und anderen Sachen. Der Stuttgarter in der Tradition der poetischen Humoristen baut konsequent auf den Reim, um den Spaßfaktor zur Geltung zu bringen. Bei Ralf Burnickis kapitalismuskritischem Gang durch Supermärkte und Kaufhäuser hört der Spaß indes auf. Unerbittlich beobachtet der Bielefelder in dem Band "zahnweiß" das Verhalten der "Konsumsoldaten", rechnet das kleine "Einmaleins des Glücklichseins" vor, sieht da eine "neonreine Fresslandschaft", dort "Gemüt und Gebäck" langsam ineinander greifen, handelt von der "Herrschaftsgeschichte der Kaufkraft".
Leichte reisekonsumkritische Anklänge fanden sich auch bei Peter Bornhöft, wie Burnicki Mitherausgeber der Bielefelder Literaturzeitschrift Tentakel. Bornhöft las aus dem bald als Buch erscheinenden Zyklus "Briefe aus Adresan", Reise- und Naturgedichte. Von "An dieser Küste glaubte ich wieder an Gott / oder was davon übrig geblieben war" bis zur Befürchtung, "dass dein Glück mit falschen Karten spielt" reichen die Stimmungen des Reisenden.
Zu den Lyrikfarben des "Poesiefestes" trugen ferner bei: Nicole Kroupis, Paola Reinhard, Claudia Ratering, Nicole Anwander, Peter Scholle und Gerhardt Butke. Der Nordhorner bot in Grafschafter Platt einen Vierzeiler, der trotz des Titels "Heimatdichter" wohl nicht nur von diesem spricht und übersetzt etwa so lautet: "Er hat seine Reime in Unschuld gewaschen, / hat sie zum Trocknen an die Leine gehängt. / Die Sonne hat sie ausgebleicht, / nun sitzt er vor einem leeren Blatt Papier."