Gütersloh. Das Fragezeichen macht die Zweifel deutlich. "Baukultur in der Region - Baukultur in Gewerbegebieten?" Damit rechnet man gemeinhin nicht. Dennoch finden sich auch in Ostwestfalen-Lippe, auch im Kreis Gütersloh Beispiele dafür. Teilnehmer einer Veranstaltung der bundesweiten Netzwerkreihe "wie weiter arbeiten - Arbeitsorte der Zukunft" besuchten sie. Anschließend sprachen Experten im Autohaus Walkenhorst über das Thema.
"Wir sind immer im Wandel", sagte die Berliner Architektin Prof. Maria Clarke in ihrem Impulsreferat mit dem Titel "Mehrwert durch Architektur im Gewerbegebiet?" Sie verdeutlichte das auch am eigenen Büro in einem Gebäude, das 1907 robust und ansehnlich genug gebaut wurde, um mehrere Innensanierungen und behutsame, heutigen Bedürfnissen geschuldete Fassadeneingriffe zu verkraften.
Man müsse vorausschauend und unter baukulturellen Aspekten planen, sagte die in Bremen lehrende Professorin vor dem rund 50-köpfigen Fachpublikum, das der Einladung des Gütersloher Fachbereichs Stadtplanung, der Industrie- und Handelskammern (IHK) Ostwestfalen zu Bielefeld und Lippe zu Detmold sowie der Bundesstiftung Baukultur gefolgt war. Beides gilt für Architekten wie Bauherren. So hatte etwa Clarkes Büro für eine Firma einen als "Solitär" gedachten Bau in ein Gewebegebiet gesetzt, doch der Betrieb benötigte schon bald ein zweites, dann ein drittes Gebäude. So war nun nachträglich der Solitär in ein Ensemble einzubinden.
Überhaupt sollten offenbar die jeweiligen Bauherren stärker in baukulturelle Fragen eingebunden werden. Der Bielefelder Architekt Andreas Wannenmacher, der im Kurzreferat "Stopp der Anarchie in der Peripherie" forderte, sah zudem eine "gesamtgesellschaftliche Verantwortung für Baukultur". Er illustrierte dies mit einem "Reigen des Schreckens", Fotos von Bauten, die eher wie Notunterkünfte für Industrie und Gewerbe wirkten. Während in Innenstädten gestaltungsrechtlich oft "überhöhte Strenge" herrsche, beklagte Wannenmacher auf der grünen Wiese "unbürokratische Großzügigkeit".
Dabei, so der Architekt, sei der "visuelle Eindruck", den ein Firmengebäude mache, die "allerbeste Unternehmenskommunikation", wichtiger als ein Leitbild auf Papier. Dazu komme die Wirkung nach innen, wo wohlproportionierte Räume, durchdachte Struktur, handwerkliche Qualität, Kommunikationsmöglichkeiten den Mitarbeiter, den "Menschen als Erfolgsfaktor" positiv beeinflussten.
In der Diskussionsrunde, zu der Stadtplanungschef Michael Zirbel ein Bild des nach 100 Jahren noch modern wirkenden, zum Weltkulturerbe gerechneten Fagus-Werkes von Walter Gropius einblendete, verglich Bernhard Heitele, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Baukultur, die Ansprüche an Gewerbearchitektur mit einem Mobile: ökonomische, ökologische, technische, städtebildliche, architektonische Gesichtspunkte seien auszutarieren.
Unternehmer Dr. Andreas Hettich (Kirchlengern) stellte den Zweck in den Vordergrund und meinte: "Gute Architektur muss nicht teuer sein." Laut Birgit Melisch, Vorsitzende des Gütersloher Gestaltungsbeirats, hat es oft "mit Glück zu tun", wie Unternehmer an Architekten kommen. Letztere wiederum müssten lernen, mit Bauherren zu kommunizieren, sagte Andreas Wannenmacher. "Bauherren und Architekten sprechen verschiedene Sprachen." Dem Bielefelder zufolge muss man den Bauherrn mitunter argumentativ zu seinem räumlichen Glück bewegen, ihm ein architektonisches "Glücksversprechen" machen. Und dann natürlich auch halten.