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20.12.2011
DETMOLD/GÜTERSLOH
Heftige Kritik aus Lippe an Bertelsmann-Stiftung
Streit um Ergebnisse der Lernatlas-Studie

Einzug in den Kreistags-Sitzungsaal mit feiner Selbstironie | FOTO: VERA GERSTENDORF-WELLE

Detmold (lz). Vor vollem Haus haben Bildungspolitiker aus Lippe und die Autoren der Bertelsmann-Bildungsstudie am Montag das Lernatlas-Ergebnis diskutiert. Lipper wie Gütersloher blieben bei ihren Positionen. Die Studie arbeite mit veralteten Zahlen hieß es auf der einen Seite. Nein, es sei das aktuellste Datenmaterial, hieß es auf der anderen.

Wie tief der Stachel sitzt, von der Bertelsmann-Stiftung im Kreisvergleich bundesweit die "rote Laterne" zugesprochen bekommen zu haben, zeigte sich gleich zu Beginn: Landrat Friedel Heuwinkel und Bildungsausschuss-Vorsitzender Friedrich-Wilhelm Nagel trugen gemeinsam eine solche Laterne in den Sitzungssaal.

Mit Augenzwinkern und leichter Selbstironie war es jedoch schnell vorbei. Heuwinkel wie Nagel ließen keinen Zweifel daran, stinksauer auf die Stiftung zu sein. Gesicherte Erkenntnisse fehlten, kritisierte Nagel, und Heuwinkel sprach von einem nachhaltigen Schaden für Lippe", den der Lernatlas angerichtet habe: "Sie haben sich doch mit unserer Region überhaupt nicht beschäftigt."

Streit um die Datenmenge

Hans Böke, Fachbereichsleiter im Unruhestand, und Markus Rempe (Lippe Bildung) betonten, längst die "Zeichen der Zeit" erkannt zu haben: "Dafür brauchen wir Ihren Atlas nicht." Scharfe Kritik an den Bertelsmännern kam auch von Professor Horst Weishaupt (Institut für internationale pädagogische Forschung): Die verfügbare Datenmenge erlaube es überhaupt nicht, so einen Atlas zu erstellen, die ökonomische Situation eines Bundeslandes bleibe zudem unberücksichtigt.

Frank Frick, Lernatlas-Programmdirektor, stellte klar: Lernen sei mehr als zur Schule zu gehen, es dauert ein Leben lang. Vergleichbares Datenmaterial gebe es aber fast ausschließlich aus dem Bereich dieses "formalen Lernens". So belege diese Statistik, dass es beispielsweise eine lange Zeit brauche, bis Jugendliche ohne Schulabschluss eine Eingliederungsmaßnahme bekämen und dass sie dann schlechte Chancen auf einen Ausbildungsplatz hätten.

Dass es seitens der Wirtschaftsjunioren, des Netzwerkes oder der Berufsschulen allerhand Aktivitäten gebe - auch in Bezug auf soziales Lernen - sei anzuerkennen, aber "wir kommen hinsichtlich der Qualität dieser Angebote in den Bereich der Vermutungen."

Kommentare
ich kann den letzten beiden kommentaren nicht zustimmen. da ich den lernatlas gelesen habe und die rechtfertigung der stiftung im kreistag gehört habe muss ich feststellen, dass die qualität dieser studie wirklich äußerst schlecht ist, erstaunlich, dass man sie überhaupt so veröffentlicht hat. lückenhafte datenlage, daten teilweise aus dem jahr 2006 und teils fast willkürlich festgelegte kriterien (z.b. Blutspendeverhalten wird bewertet, kultureinrichtungen gar nicht beachtet obwohl man ja wert auf lebenslanges lernen gelegt hat).
ich habe den eindruck, dass man zusätzlich nicht darauf vorbereitet war, dass man den lernatlas so detailiert auseinandernimmt, sondern dass die region mea culpa sagt und bertelsmann für ihren einsatz lobt.

Ich muss Flo vollkommen zustimmen. Zweck der Studie hin oder her, es sind nunmal Fakten. Und statt sich dem zu stellen, wird versucht, mit viel Show davon abzulenken. Wenn man sich die einzelnen Bereiche mal ansieht, wird das mit Sicherheit jeder, der im Bereich der Bildung tätig ist, bestätigen. Das Lippe den letzten Platz bekommt, ist Zufall. Es ist aber ein Spiegelbild der gesamten Region, denn auch die Nachbarkreise bekleckern sich nicht mit Ruhm. Die Ursache liegt auch nicht nur in der Bildungspolitik, sondern in der Struktur der Bevölkerung. Denn nicht immer ist der Staat schuld, wenns nicht läuft. Wenn Kinder vom Elternhaus nicht mehr das Rüstzeit verpasst bekommen, was nötig ist, kann der Staat das nicht mehr ausgleichen.

Ergebnisse kritisch hinterfragen: Ja.
Aber in Lippe wird wieder mal das praktiziert was überall geschieht wo Defizite angesprochen werden. Man spielt die beleidigte Leberwurst und regt sich tierisch über die infamen Lügen auf.
Also, bitte auch die eigene Situation kritisch beäugen. Die Energie, die man jetzt in die Kritik steckt, sollte besser zum Anschub von Projekten genutzt werden, welche die Situation verbessern.

Der Einfluss von Bertelsmann selbst, wie auch die Bertelsmann-Stiftung ist inzwischen immens groß. Das bekommt nur kaum einer mit, denn diese Weichenstellungen für Politik und Wirtschaft finden immer so gut wie im gedeckten Hintergund statt.

@ Kritiker:

Das kritische Hinterfragen der Stiftung ist gut und sinnvoll! Das aber IMMER nur wirtschaftliche Interessen der Stiftung dahinterstecken, wage ich zu bezweifeln. Kennen Sie die genauen Aufgabenstellungen der Projekte? Kennen Sie die genauen Arbeitsmethoden? Was war der Auftrag der Politik bzw Auftraggebern??
Auch wenn bei diesem "Bildungsatlas" nun alte Daten zugrunde liegen, sollte der Kern der Aussage nicht vergessen werden:
Es muss mehr in die Bildung investiert werden!

Klar will keine Kommune bei so einem Test schlecht abschneiden. Bitte immer erst ein mal an die eigene Nase fassen, nachdenken, was man besser machen könnte, und warum ein solches Ergebnis herausgekommen ist.
Der einfachste Weg ist natürlich die Stiftung zu kritisieren...
Nicht das ich alles gut finde, was die Stiftung herausbringt und man muss die Aussagen auch sehr kritisch betrachten, aber es ist auch nicht alles von vornherein falsch!



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