Gütersloh. Ihre hoheitliche Aufgabe sieht man den verwitterten alten Steinen nicht an. Aber sie teilten einst die Gegend in Herrschaftsgebiete auf, trennten verschiedene Rechtsprechungssysteme und Konfessionen. 159 Grenzsteine sind Ende des 18. Jahrhunderts im heutigen Stadtgebiet Güterslohs und dem angrenzenden Umland aufgestellt worden. Nur elf steinerne Zeugen haben die Zeit überdauert.
In der Werkstatt des Bildhauers und Steinmetzes Wolfgang Schmitz werden sie nach und nach wieder aufgearbeitet. Den ersten Stein hat Schmitz bereits fertig auf seinem Hof im Freien stehen. Derart Wind und Wetter aufgesetzt, ist auf den ersten Laienblick kaum aus auszumachen, was an ihm restauriert worden ist.
In großen Bruchstücken hat Schmitz den Stein angeliefert bekommen. Er wurde auf einem Hof in Isselhorst gefunden, wo er als schnödes Baumaterial für eine Mauer herhalten musste. Ulrich Paschke, Denkmalpfleger der Stadt, und Stadtarchäologe Johannes Glaw kümmern sich nun darum, dass die Steine, von deren Existenz man weiß, erhalten werden und möglichst an ihren ursprünglichen Ort zurückkehren können.
Der Grenzstein "Nro 10" markierte ursprünglich die Grenze zwischen dem Amt Reckenberg und der Grafschaft Ravensberg. Auf einer Seite ist der Preußische Adler mit Insignien zu sehen, auf der anderen Seite ist ein Rad zu sehen, das für den Bischof von Osnabrück steht.
Mit Klebstoff hat Walkter Schmitz die vier verbliebenen Stücke der Vorderseite des aus Bielefelder Sandsteins gefertigten Grenzmarkierung zusammengesetzt. Da die Schwinge des Adlers auf der rechten Seite fehlte, musste sie Schmitz ersetzen und der scharrierten Umrandung anpassen – selbstverständlich mit Sandstein aus dem Teuto.
"Diese Grenzsteine sind zwischen 1769 und 1772 produziert worden und haben 22 Goldmark gekostet", weiß Johannes Glaw. Auf der ehemaligen Grenze zwischen dem Amt Sparenberg (Grafschaft Ravensberg) und dem Amt Reckenberg (Bistum Osnabrück) haben 26 dieser Steine gestanden, vier existieren noch. Das weiß Ulrich Paschke aus alten Unterlagen und Plänen. So kann auch heute noch ihr genauer Standort bestimmt werden.
Paschke kann bei seiner Arbeit auf das Vor-Kataster Preußens von 1822 zurückgreifen und auf die Landvermessung von Johann-Wilhelm Du Plat, die dieser 1790 vorgenommen hatte. "Wenn man diese Karten mit heutigen vergleicht, kann man nur staunen über die Präzision der damaligen Vermessung", sagt Paschke. "Außerdem sieht man, wie lange die Grenzen Geltung gehabt haben", ergänzt der Denkmalpfleger.
Die Grenzen damals brachten auch verschiedene Berufe mit sich. Etwa Grenzwächter und Leute, die die Schlagbäume bedient haben. Nachnamen wie "Bäumker" oder "Landwehr" sind von dieser Tätigkeit zurückgeblieben.
Lediglich sieben von den insgesamt 159 Grenzsteinen stehen noch an ihrer ursprünglichen Stelle. Die meisten hatten nach 1815 (siehe Kasten) ihre Funktion verloren. So wurden sie entfernt und oft für den Hausbau verwendet. Vom Stein Nummer 5 ist nur die Hälfte übrig geblieben. "Er wurde als Stufe in einem Haus in Isselhorst verwendet", weiß Glaw. Ein ganzer Stein wäre zur Stolperfalle geworden.
"Wenn jemand weiß, wo noch Steine verborgen sind, soll sich bei uns melden", bittet der Stadtarchäologe. "Wir werden keine Steine aus Mauern brechen und Löcher hinterlassen, wir wollen sie nur dokumentieren. Denn diese Steine haben eine Geschichte zu erzählen." Grenzstein "Nro 10" soll im Frühjahr wieder aufgestellt werden. Und wird dann so aussehen, als sei nichts geschehen.