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18.09.2009
HERFORD
Niemand half dem Unfallopfer
Nico Lahne (19) wurde von einem Auto angefahren / Passanten gingen weiter
VON GERALD DUNKEL

Doppeltes Opfer | FOTO: GERALD DUNKEL

Herford. Nico Lahne (19) kann sich noch genau an jenen Moment vor etwa zwei Wochen erinnern, als er verletzt Hilfe brauchte – doch niemand, den er ansprach, half. Der junge Mann wurde nachts in der Nähe einer Discothek in Herford von einem Auto angefahren. Und liegen gelassen.

Nach der Geburtstagsfeier eines Freundes besuchte Nico Lahne aus Kalletal mit anderen ein Schnellrestaurant in Herford. Betrunken sei er definitiv nicht gewesen, als er sich gegen 2.30 Uhr allein auf den Weg zur nahe gelegenen Bushaltestelle machte.

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Nach etwa 200 Metern passierte es: "Plötzlich riss mich etwas von hinten von den Beinen. Ich flog durch die Luft und schlug auf meiner rechten Seite auf." Lahnes Erinnerungen an den Unfallhergang sind noch sehr präsent. "Der Wagen fuhr einfach weiter." Ermittlungen ergaben, dass der 19-Jährige nicht auf der Straße ging, als er von dem Wagen erfasst wurde. Er befand sich an einer Parkbucht.

Schmerzen in Beinen und Hüfte

Der junge Mann spürte in dem Moment nur starke Schmerzen in den Beinen und der Hüfte, rappelte sich wieder auf und schleppte sich zurück in Richtung Discothek "X". Einen Rettungswagen konnte er nicht rufen. "Nach dem Aufprall war mein Handy verschwunden." Ermittler der Polizei fanden den Akku des Mobiltelefons später auf der anderen Straßenseite.

Lahne, der bei dem Unfall auch seine Brille verlor, rief auf seinem Weg laut um Hilfe, sah andere Personen – die aber gingen weiter oder wechselten sogar die Straßenseite. "Erst ein Mädchen gab mir sein Handy." Nico rief seine Mutter Sabine an, die sich sofort auf den Weg machte. Lahne: "Das Mädchen nahm dann aber wieder das Telefon und stieg in einen Bus ein."

Langsam weiter gehumpelt

Der Verletzte humpelte langsam weiter. Er merkte, dass er am Hinterkopf blutete. "Ein Mann stützte mich plötzlich und brachte mich zu den Türstehern vorm X. Die riefen dann einen Krankenwagen", erinnert sich der Auszubildende zum Elektroniker. Bis dahin waren etwa 45 Minuten vergangen, und zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, dass auch der Unfallfahrer die Polizei gerufen hatte – allerdings mit einer völlig anderen Schilderung. Er blieb etwa 150 Meter von der Unfallstelle entfernt stehen.

"Ihm habe jemand aus einer Menschenmenge etwas auf die Windschutzscheibe geworfen", sagte Polizeikommissar Thomas Kloock, der die Ermittlungen leitet, gestern bei einem Ortstermin an der Unfallstelle. Die Aussage des Fahrers erschien zuerst plausibel. Eine Dreiviertelstunde später jedoch, nach dem Anruf der Türsteher, brachten die Beamten den 5er-BMW in Verbindung mit dem verletzten Nico Lahne und stellten den Wagen sicher. "Wir fanden Abschürfungen von Nicos Kleidung und auch Haare an der Windschutzscheibe, wo er mit dem Kopf aufgeschlagen war", erklärte Kloock.

Helfer hätten sich nicht in Gefahr gebracht

Nico Lahne hatte Glück, er konnte zwei Tage später das Klinikum Herford verlassen. Er hatte Prellungen im Becken- und Nierenbereich und eine Platzwunde am Hinterkopf. Den 23-jährigen Fahrer aus Herford erwartet nun eine Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung und wegen des Verdachts der Unfallflucht.

Für Rainer Koch, Pressesprecher der Herforder Kreispolizeibehörde, ist es "ein Unding", dass lange niemand geholfen hat. "In diesem Fall hätte es noch nicht einmal etwas mit Zivilcourage zu tun gehabt. Ein Helfer hätte sich nicht in Gefahr gebracht." Für Koch ist das Verhalten derer, die in jener Nacht teilnahmslos weitergingen, "ein Zeichen dafür, dass etwas krank ist an unserer Gesellschaft".


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