INTERVIEW: Schauspieler Ralph Herforth über Politik, Zivilcourage, das Programm im TV, aktuelle Filmprojekte, seine Kinder und seine Heimatstadt
Herford/Berlin. Seit mehr als 25 Jahren steht Schauspieler Ralph Herforth vor der Kamera. Ein paar mal im Jahr ist er bei seiner Mutter in seiner Heimatstadt Herford zu Besuch. NW-Redakteur Gerald Dunkel traf sich mit dem in Berlin lebenden 49-Jährigen. Beide kennen sich seit einigen Jahren, weshalb das Interview auf Herforths Wunsch in persönlicher Ansprache verfasst ist.
Ralph, was bedeutet für dich ein Besuch in Herford?RALPH HERFORTH: "Immer ein wenig Ruhe und Abschalten. Und es freut mich natürlich immer, wenn ich meine Mama hier besuchen kann."
Welche Veränderungen fallen dir hier in letzter Zeit auf?HERFORTH: "Dass es Herford gelungen ist, die Innenstadt mit den vielen Cafés, den neuen Geschäften oder auch mit der Gestaltung des Linnenbauerplatzes und dem tollen Spielplatz darauf zu beleben. Aber auch die Anstrengungen zur Erhaltung alter Bausubstanz - hier als i-Tüpfelchen die wieder aufgebaute Synagoge. Herford ist einfach eine Stadt, die man auch als Tourist gern besucht.
Was empfindest du, wenn du ein Symbol wie die Synagoge siehst?HERFORTH: "Genugtuung. Eine wirklich späte Genugtuung. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute glauben, 60 oder 70 Jahre Reue sind genug, oder dass es ihnen lästig ist, darüber zu reden. Wie kann das genug sein? In 2.000 Jahren kann es noch nicht genug sein, über diesen Völkermord nachzudenken und darüber zu reden.
Wenn dir die Filmrolle eines NS-Offiziers angeboten würde. Wie schwer würde es dir fallen, da hineinzuschlüpfen?HERFORTH: "Überhaupt nicht schwer. Ich würde den so überzeugend spielen, dass die Zuschauer ihn hassen. Als Schauspieler ist es dann wichtig zu zeigen, was für eine kranke Ideologie die im Kopf hatten.
Wie erziehst du deine Kinder, damit sie nicht solchen Ideologien verfallen?HERFORTH: "Ich rede mit ihnen über Rassismus. Die Kinder erleben es aber auch hautnah zu Hause durch meinen Freundes- und Bekanntenkreis. Bei uns gehen viele Nationalitäten, Rassen und Religionen ein und aus. Die Kinder werden mit dieser Vielfalt ganz selbstverständlich groß."
Inwiefern bist du ein politischer Mensch?HERFORTH: "Ich bin sehr politisch. Ich bin selbst grün-rot eingestellt, unterstütze die Grünen mit meiner Zweitstimme als Partei, weil ich finde, dass die das fortschrittlichste und konkreteste Programm haben. Aber als Partei sind sie zu klein, um einen eigenen Kanzlerkandidaten zu stellen. Und mit dem Steinmeier habe ich mich letztens länger unterhalten. Das ist so ein klarer Mann, und du merkst, dass er dir wirklich zuhört und viele überzeugende Argumente hat. Deshalb bekommt er als SPD-Kandidat meine Erststimme."
Was bedeutet für dich Wahlrecht?HERFORTH: "Um dieses Recht zu erkämpfen sind viele Frauen und Männer ins Gefängnis gesteckt worden oder sogar dafür gestorben. Der Preis, den sie gezahlt haben, ist so hoch, dass man das Wahlrecht nicht genug schätzen kann. Für uns ist das Wählen so selbstverständlich geworden, dass es viele einfach nicht mehr tun. In vielen Ländern gibt es aber auch heute noch Menschen, denen dieses Recht verweigert wird. Bei denen sollten unsere Gedanken sein, wenn wir zur Wahlurne gehen. Genau darüber habe ich mich neulich erst im Rubens mit Jugendlichen unterhalten, die mich ansprachen. Und egal, wie viel man mit dem Programm einer Partei anfangen kann - es gibt immer das kleinere Übel, und bei einer Wahl ist es immer besser, das kleinere Übel zu wählen als gar nicht wählen zu gehen. Nur so können wir die Demokratie erhalten."
Wie wichtig ist für dich Zivilcourage?HERFORTH: "Zivilcourage ist sehr wichtig. Ich möchte ein Beispiel geben. Als wir 2007 den Film ,Lamento' in Bückeburg drehten, saßen wir in einem Straßencafé. Auf einmal kamen Jugendliche, rissen ihre Gürtel aus der Hose und verprügelten einen anderen, peitschten ihn richtig aus. Ich habe erst einen ganz kurzen Moment gewartet, weil mich ein paar Leute an den Tischen erkannt hatten, ich mich aber auch nicht aufspielen wollte. Aber dann bin ich auf die Jugendlichen los, und fiel ihnen regelrecht in die Arme. Ich schrie nur laut ,Es reicht jetzt'. Und die gaben auch sofort nach. Ich war nur erstaunt, dass alle anderen sitzen blieben."
Greifst du immer ein?HERFORTH: "Ich will mich jetzt nicht profilieren oder besser reden. Aber ich habe mich in solchen Situationen immer eingesetzt und bin dazwischengegangen."
Was aber tun, wenn man sich dann doch nicht traut?HERFORTH: "Man kann aber zumindest andere verständigen und mit dem Handy Fotos oder ein Video machen, damit man die Tat später auch ahnden kann. Nur nichts zu tun ist das Falscheste und sollte auch strengstens geahndet werden."
Sind Männer couragierter als Frauen?HERFORTH: "Nein, genau andersherum. Männer sind im Durchschnitt wirklich Feiglinge und Weggucker, nach dem Motto ,ach nö, das soll jemand anders ausbaden'. Frauen sind dabei aus sich heraus engagierter und die tapfereren Menschen."
Wie beurteilst du das derzeitige Programmangebot der Fernsehsender. Was geht in dir vor, wenn du den Fernseher einschaltest?HERFORTH: "Dann wird mir schlecht."
Weil es Einheitsbrei ist, á la Casting-Show, Renovierungs-Doku, Chart-Show oder Sendungen unter dem Motto ,Wie erziehe ich mein Kind', die sich die Sender voneinander abgucken ?HERFORTH: "Nicht nur das, es ist Volksverdummung. Andererseits bekommen die Leute auch nur das zu sehen, was sie sehen wollen. Natürlich ist es schön und anrührend, wenn einer Familie, die beim Hausbau abgezockt wurde, es überall schimmelt, das Haus wieder schön gemacht wird. Das schaue ich mir einmal an und finde es toll. Aber all diese schrecklichen Dschungel-Camp-Shows für drittklassige Promis, die damit ihre letzten 10.000 Euro verdienen, oder Heidi Klum, die kleine Mädchen vorführt auf fast sadistische Weise - das muss man einfach abschalten. Und Dieter Bohlen sowieso. Wer so präpotent durch die Welt läuft, dem muss man nicht noch dabei helfen, Millionen anzuhäufen.
Dann wirst du zum TV-Verweigerer?HERFORTH: "Nein, es gibt durchaus sehenswerte Programme auf 3sat, Arte, Vox, Das Vierte oder Kabel. Also Sender, die wirklich gute Filme und vor allem tolle Reportagen zeigen. Auf den anderen Sendern siehst du das erst nach 23 oder 24 Uhr, wenn alle schlafen."
Welche Filmprojekte sind bei dir gerade aktuell?HERFORTH: "Ich war jetzt gerade in Münster, wo unser neuer Film "Unter Strom", der ab Dezember in die Kinos kommt, auf einer Veranstaltung gezeigt wurde. Als nächstes drehe ich "2030 - Der Aufstand der Jugend" mit Bettina Zimmermann in der weiblichen Hauptrolle. Mit Natalia Wörner mache ich, wie in jedem Jahr "Unter anderen Umständen" und entwickle gerade mit Ziegler-Film und der freischaffenden Produzentin Kirsten Ellerbrake eine eigene Reihe. Das ist ein Format, das es weder in Amerika noch hier gibt. Das bekommt nächste Woche das Go! oder das No!"
Worum geht es in der Reihe?HERFORTH (lacht): "Das darf ich noch nicht sagen."