Herford. Die Szene wirkt eindringlich. Ein Mann kniet in der Fußgängerzone. Er hält einen Becher in der Hand. Die Haltung signalisiert: "Bitte haben Sie Mitleid und spenden Sie." Und viele Menschen werfen Münzen in die Becher. In der beginnenden Vorweihnachtszeit öffnen sich die Herzen und die Portemonnaies besonders weit. Ob das Geld jedoch tatsächlich bei Bedürftigen ankommt, ist fraglich.
Es gibt klare Anzeichen dafür, dass die Männer zu einer rund um Herford aktiven Gruppierung gehören, deren Hintermänner es auf Profit abgesehen haben. Dafür spricht der Organisationsgrad: Dabei werden jeweils vier Personen, häufig kurz vor 9 Uhr, am Rande der Innenstadt abgesetzt, die sich verteilen. Nach NW-Informationen stammen die Männer aus Rumänien. Die Autoinsassen sind das schwächste Glied in der Kette des Spenden-Geschäfts.
Andreas Wolf, stellvertretender Leiter der Sozialberatung der Diakonie, kennt die Gruppierungen aus Berlin. "Die Menschen wenden sich nicht an uns." Deshalb sei über die Strukturen nur wenig bekannt.
Zwischen den Obdachlosen, die von der Diakonie Unterstützung erhalten und den Männern aus Rumänien gibt es keinen Kontakt. Manchmal gebe es sogar Vorbehalte, so Wolf. Und in anderen Fällen wohl das Gefühl, dass es eine Konkurrenz um die besten Plätze zum Betteln gibt.
Erfahrungen aus anderen Städten zeigen, dass die Sammler ihre Einnahmen in der Regel komplett bei ihrem Kolonnenführer abliefern müssen. Dabei legen die Hintermänner vielfach die selbe Taktik an den Tag wie die Chefs von Drückerkolonnen. Den Sammelnden selbst bleibt meist so gut wie nichts von ihren Einnahmen.
Ohne direkte Beweise kein Einschreiten
Doch ohne direkte Beweise kein Einschreiten: Ralf Oestreich vom Bereich Sicherheit und Ordnung der Stadt kennt das Problem. Sollte sich im Rahmen von Ermittlungsverfahren der Verdacht bestätigen, dass es sich um Gruppierungen handelt, könne die Stadt im Bereich des Ordnungsrechts tätig werden.
Solche Beweise sind aber nur schwer und mit hohem Aufwand zu erbringen. Derzeit gilt: "Erst dann, wenn es zu Gesetzesverstößen kommt oder aber ein Verstoß gegen die Stadtsatzung vorliegt, werden wir aktiv", so Ralf Oestreich. Solche Verstöße seien aber nicht angezeigt worden. Die Herforder Stadtsatzung regelt, wo und wie gesammelt werden darf. Sie verbietet das sammeln mit Kindern und auch mit Tieren.
In der Vergangenheit hatten Polizisten etwa einen Geldsammler am Münsterkirchplatz überprüft. Er hatte gerade Münzen von einem der knienden Sammler übernommen und einen Beutel voll mit Kleingeld dabei. Damals wurde auch festgestellt, dass viele der zu der Gruppierung gehörende Männer zwischen Einsatzorten in Bielefeld, Herford und auch anderen Städten hin- und hergefahren werden.
Besonders perfide war ein Aufgriff, den die Polizei im Juni vor zwei Jahren machte: Zehn Kinder waren zum Betteln nach Herford geschickt worden. Das Einsammeln der Spenden übernahm ein Mercedesfahrer aus Lippe.