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21.11.2009
HERFORD
"Es ist nicht an uns, darüber zu urteilen"
INTERVIEW: Superintendent Michael Krause zur Debatte um die Akzeptanz homosexueller Partnerschaften

Superintendent Michael Krause | FOTO: TITTEL

Herford. Eine Gruppe evangelischer Pfarrer hat sich in einem offenen Brief gegen Präses Alfred Buß gestellt, nachdem der im Frühjahr seinen Wunsch nach mehr Akzeptanz für gelebte homosexuelle Partnerschaften geäußert hatte. Statt von Akzeptanz sprechen die 35 Geistlichen von Therapie, unter ihnen Michael Große, der im Dezember seinen Dienst in Elverdissen antritt. Mit dem Superintendenten des Kirchenkreises Herford, Michael Krause, sprach NW-Redakteurin Corina Lass über das Thema.

Herr Krause, was halten Sie von dem offenen Brief?
MICHAEL KRAUSE: Es ging darin um die Frage: Segnen wir gleichgeschlechtlich lebende Paare? Und die Kernaussage war: Falls der Präses das forciert, trägt er eine Spaltung in die Kirche hinein.
Mir ist dabei noch einmal aufgefallen, dass wir es seit der letzten großen Diskussion zu diesem Thema vor neun Jahren nicht geschafft haben, einen Konsens herzustellen. Wir müssen also damit leben, dass es unter uns zu diesem Thema Spannungen gibt. Das ist erst einmal eine Beschreibung der Situation.

Worin bestehen die unterschiedlichen Meinungen?
KRAUSE: Die Landeskirche hat das festgestellt. Die einen sagen: Wir dürfen gleichgeschlechtlich lebende Paare segnen. Die anderen sagen: Das geht nicht, weil der Segen der Ehe vorbehalten ist. Das ist der eigentliche Dissens.

Worin liegt die Ursache für diese Meinungsverschiedenheit?
KRAUSE: Sie resultiert aus einem unterschiedlichen Bibelverständnis. Die Seite der Briefschreiber würde sagen, dass wir eine gesellschaftliche Anpassung höher werten als das biblische Zeugnis. Ich würde sagen: Das ist eine Frage von Wörtlichkeit und dem Zusammenhang biblischer Texte.

Können Sie das erklären?
KRAUSE: Es gibt eine Glosse zu der Frage, welcher Kandidat sich nach alttestamentlichen Bestimmungen zum Pfarrer eignen würde - oder auch nicht: Demnach hat der erste Kandidat im Urlaub in Frankreich Schnecken gegessen, der zweite zieht beim Gehen ein Bein leicht nach, der dritte hat sich den Bart gestutzt, der vierte an der Beerdigung seiner Mutter teilgenommen, der fünfte trägt ein Hemd mit 25 Prozent Polyester, der sechste ist homosexuell. Das Ergebnis wäre eindeutig: Alle sechs wären nach alttestamentlichen Bestimmungen nicht geeignet.

Tragen nicht auch Pfarrer Hemden, die eine Mischung von Textilfasern enthalten?
KRAUSE: Ja, und das Interessante ist, dass das mit der Homosexualität weiterhin in Geltung steht, während die anderen Dinge von uns nicht wörtlich genommen werden. Ich erkläre mir das damit, dass die Homosexualität im Neuen Testament, bei Paulus, besonders erwähnt wird. Aber überraschend ist, dass wir manches sehr wörtlich nehmen, anderes nicht. Nach welchem Sortierprinzip funktioniert das eigentlich? Mit den Verfassern des Briefes würde ich schon mal ernsthaft über deren Bibelverständnis reden wollen.Welches Bibelverständnis haben sie Ihrer Meinung nach?
KRAUSE: Im Kern scheint dahinter zu stehen, dass sie die Einordnung von Äußerungen zur Homosexualität bei Paulus nicht akzeptieren: Paulus kennt so etwas wie Veranlagung nicht. Das ist etwas, dass uns auch erst seit der Diskussion der - sagen wir mal - vergangenen 150 Jahren vor Augen steht. Insofern können wir nicht unhistorisch in die Bibel reingucken. Wir müssen schon versuchen, eine Bibelstelle, die eine in der Antike weit verbreitete Haltung wiedergibt, genauer zu werten.

Zu welchem Ergebnis führte die innerkirchliche Debatte in diesem Punkt vor neun Jahren?
KRAUSE: Es gab damals einen Ausschuss, der sich mit der Frage beschäftigt hat, ob es Pfarrern möglich sein soll, gleichgeschlechtlich lebende Menschen mit dem Segen zu begleiten. Votum A lautete: Ja es geht; wir segnen ja nicht die Lebensform an sich in dem Sinne, dass wir sie absegnen oder legitimieren, sondern wir stellen diese Menschen wie alle anderen in den Wirkbereich Gottes hinein, damit sie mit dieser Kraft im Rücken loslaufen. Votum B lautete: Nein, Segen ist allein der Ehe vorbehalten; denn die Form der Ehe würde nivelliert, wenn auch Anderes gesegnet werden könnte.

Aber es wird Anderes gesegnet, zum Beispiel die Gemeinde am Ende des Gottesdienstes, egal, wer dort sitzt.
KRAUSE: Ja, so hat Wolfram Kötter (Pfarrer der evangelisch-reformierten Petrigemeinde, Anm. d. Red.) das auch zu Recht gesagt. Segen gilt uns allen. Aber man möchte die Ehe, die Trauung, nicht entwerten, weil sie von Gott als etwas Besonderes betrachtet wird. Dem würde ich entgegnen: Ich sehe die Gefahr nicht.

Wie ist die gängige Praxis in der Kirche?
KRAUSE: Wir sagen: Eine gängige Öffnung gibt es nicht, gleichzeitig bieten wir den homosexuell lebenden Paaren an, ihren Weg mit einer Andacht gottesdienstlich zu begleiten, in der am Ende natürlich ein Segen aussteht. Aber die spezielle Trauzeremonie mit der Frage "Willst du . . .", mit dem Niederknien und den Worten "empfangt den Segen Gottes" ist dabei ausgenommen. Aber der Pfarrer muss zu dem Segen in der Lage sein. Das ist eine Gewissensfrage. Die Landeskirche kann in diesem Punkt keinen Pfarrer verpflichten.

Warum sprechen die Verfasser des Briefes an Buß von Spaltung, wenn es sich um eine Gewissensfrage handelt?
KRAUSE: Ich glaube, das ist ein Missverständnis. Wir haben einen Schwebezustand, an den wir uns gewöhnt haben und mit dem wir arbeiten können. Das ist unstrittig. Und wir lernen, mit den verschiedenen Spannungen zu leben. Nun hat der Präses aber im Frühjahr einen Sinneswandel beschrieben, der sich für ihn abzeichnet: von der Ablehnung homosexueller Partnerschaften über ein einerseits, andererseits hin zu einer völligen Akzeptanz. Ich vermute, dass er etwas Bewegung in den Schwebezustand bringen wollte, damit wir uns die Frage gelebter homosexueller Partnerschaften noch einmal angucken, vielleicht doch mal schlauer werden und sagen: Es ist nicht an uns, darüber zu urteilen. Das führt aber sofort bei denjenigen, die darauf achten, und das ist ein Netzwerk, zu einer Gegenreaktion.Haben Sie eine Theorie, warum das so ist?
KRAUSE: In erster Linie würde ich sagen, die lesen die Bibel anders. Und bei Paulus steht deutlich, dass Homosexualität ein Gräuel ist, eine Verirrung. Ob da andere Dinge im Hintergrund stehen, kann ich nicht vermuten. Vielleicht andere Weltsichten oder Erfahrungen oder . . .

. . . Homophobie?
KRAUSE: Das wäre schon fast ein psychologisches Urteil, das ich aber nicht aussprechen kann. In dem Brief werden Bibelstellen namhaft gemacht, was dahinter steckt, kann ich nicht sagen. Wenn ich den Vorwurf der Homophobie machte, würde das den Dialog erschweren. Man muss ja irgendwie miteinander in die Reihe kommen.

Halten Sie Homosexualität für therapierbar?
KRAUSE: Wenn das Veranlagung ist? (lacht) Das weiß ich nicht. . . Also, wenn jemand unter etwas leidet, dann wird er sich dem Leidensdruck entsprechend verhalten. Aber es ist nicht unsere politische Vorstellung, Menschen erstmal eine Therapie anbieten zu müssen. Wir begleiten sie in ihren Lebenssituationen, und sie werden dann schon äußern, wo sie Widerstände erleben.

Wie werden Sie sich zu Herrn Große verhalten?
KRAUSE: Herr Große hat nach meinem Kenntnisstand selbst versucht, sich zurückzuhalten. Das ist also offensichtlich nicht jemand, der mit missionarischem Eifer die Dinge vorantreibt. Ich denke, wir müssen ihn erstmal als Kollegen willkommen heißen und ihm zeigen, dass wir ihn nicht auf diese Sache vereinseitigen. Aber ich glaube, seine Haltung ist auch unter uns Anlass, die Frage, wie wir mit anderen Lebensformen umgehen, noch einmal neu zu überdenken und vielleicht auch weiterzukommen. Aber nicht um Herrn Große zu überreden oder zu überzeugen.

Dann sehen Sie in der Diskussion eine Chance?
KRAUSE: Ich finde es gut, dass unsere Kirche in Lage ist, solche Debatten zu führen. Wichtig ist, dass wir einen guten Ton finden, der nicht auf Zerwürfnis ausgerichtet ist. Ich glaube, das Thema ist virulent. Und deshalb sollten wir es auch ruhig mit einigem Selbstbewusstsein angehen. Die Herforder Kollegen, Herr Beer, Herr Kötter, Herr Hermjakob, haben das ja auch getan (NW vom 13. November).

Obwohl sie sich gar nicht so gerne dazu äußern wollten . . . .
KRAUSE: Wir haben die Neigung zu sagen: Wir verschrecken jetzt andere, deshalb ist es besser, wir halten es geheim. Ich glaube, auch Herr Große hätte die Diskussion lieber nicht öffentlich gehabt. Ich vermute aber, dass die Verfasser des Briefes im Vorfeld der Landessynode ein Zeichen setzen wollten: Möglicherweise hatten sie Angst, dass der Präses einen Vorstoß in Richtung mehr Akzeptanz für gelebte homosexuelle Partnerschaften unternehmen würde und wollten deshalb zeigen: "Mit uns aber nicht; wir sind mit dem Konsens, der gefunden wurde, oder dem Dissens, der festgestellt wurde, einverstanden. Aber wir wollen keine Veränderung."Aber der Präses wollte nur den Diskurs?
KRAUSE: Er will den Diskurs, und das finde ich sehr unterstützenswert.

Wobei innerkirchliche Diskurse auch immer nach außen getragen werden, wo sie dann meist heftiger geführt werden . . .
KRAUSE: Und dort werden sie auch nicht immer in der Präzision verstanden. Aber das müssen wir uns leisten. Zu viel Angst ist nicht gut. Die Reaktion ist natürlich, dass Leute, die sich im Interview geäußert haben, unter Umständen eine E-Mail bekommen, und darin heißt es dann: "Jetzt ist der Satan in der Kirche angekommen." In der Gefahr stehe ich jetzt auch.

Sie scheinen dem mit Gelassenheit zu begegnen . . .
KRAUSE: Meine Haltung ist von einem gewissen Respekt gegenüber einer anderen Position geprägt, ohne dass ich immer gleich klein beigebe. Die Position Großes ist ja auch keine gänzlich inakzeptable. Man muss nur sagen können: Die Meinung zur Therapie teile ich nicht, und ich verstehe nicht, dass ihr einerseits sagt, ihr wollt die Leute nicht diskriminieren, und es andererseits im zweiten Absatz eures Briefes doch tut.

Was in Homosexuellenkreisen als Abwertung ihrer Persönlichkeit verstanden wurde . . .
KRAUSE: Ja, das geht nicht. Menschen abwerten durch unsere Diskussion, das darf nicht passieren, das widerstrebt unseren Grundansichten. Um es auch mit Paulus zu sagen: "Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat."

Wie offen darf dann der Diskurs überhaupt geführt werden?
KRAUSE: Es wäre spannend, auch mal Diskurse über sonstige Verirrungen zu führen, die Brüchigkeit von Beziehungen, zum Beispiel, wie sie Manfred Walter (NW vom 13. November) angesprochen hat. Ich finde, es geht gar nicht um die Frage der Geschlechtlichkeit, sondern um unsere Bindungsfähigkeit und die Folgen, die Trennungen für diejenigen haben, die von dieser Bindung abhängig sind. Ich erlebe das, wenn ich Konfirmandenunterricht gebe und ein Drittel der Gruppe Erfahrungen damit hat, wie zu Hause alles schief laufen kann und deshalb leidet. Manche Fragen müsste man gelegentlich mal angehen, das sind Fragen, die viel gewichtiger sind - und in der Fläche viele betreffen.


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