Bielefeld. Als der Staatsanwalt Hans-Dieter Heidbrede am 23. März 1995 sein Plädoyer vor dem Bielefelder Schwurgericht hielt, waren seine Worte klar und eindeutig: "Die Gefühlskälte dieser Tat übersteigt jedes Vorstellungsvermögen", sagte Heidbrede. Kurze Zeit später verhängte das Gericht lebenslange Freiheitsstrafen wegen gemeinschaftlichen Mordes und räuberischer Erpressung gegen Thomas K. und Peter Paul Michalski.
Die Welt wähnte Michalski, bei dem das Bielefelder Schwurgericht die besondere Schwere der Schuld bejaht und zusätzlich die Sicherungsverwahrung angeordnet hatte, wohl für immer hinter Gitter. Doch vierzehneinhalb Jahre nach seiner Verurteilung wegen Mordes verbreitet der gebürtige Herforder nun plötzlich wieder Angst und Schrecken. Zusammen mit dem ebenfalls skrupellosen Geiselgangster Michael Heckhoff (50) ist es Michalski (46) gelungen, aus der als ausbruchsicher geltenden Justizvollzugsanstalt in Aachen zu fliehen. Allem Anschein nach hat ein Vollzugsbediensteter den beiden Verbrechern geholfen – er wurde am Freitag unter dringendem Tatverdacht festgenommen.
Viele Hinweise - Fahndung läuft
Die Fahndung nach den beiden ausgebrochenen Schwerverbrechern dauert an. Am Samstagabend wurde bekannt, das beide in einem 5er BMW mit Essener Kennzeichen unterwegs sein sollen, den sie einem Ehepaar gestohlen haben, das sie zuvor als Geiseln gehalten hatten. Noch am Nachmittag hatte eine Polizeisprecherin in Köln erklärt, dass bundesweit nach den Flüchtigen gesucht werde, nachdem viele Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen waren.
"Wenn die es hier übertreiben, dann werden sie sich noch wundern." Das soll Michalski einmal in der Haft gesagt haben. Einen Beruf hat der Herforder nicht gelernt. Bereits in jungen Jahren wurde er straffällig und zu einer Jugendstrafe verurteilt. Im Jahr 1988 verurteilte ihn das Bielefelder Landgericht wegen schweren Raubes zu siebeneinhalb Jahren Haft.
Doch Michalski war in seinem kriminellen Tun nicht zu stoppen. Am 5. Juni und 10. Juli 1993 nutzte er jeweils einen Hafturlaub zu Raubüberfällen auf eine Bielefelder Videothek. Am 11. Juli 1993 kam es dann zu einem heimtückischen Mord. Zusammen mit seinem Komplizen Thomas K. lockte Michalski den früheren Mittäter Richard S. (25) am Jugendheim "Greten Venn" in Bielefeld-Sennestadt in einen Hinterhalt. Das Opfer hatte bei der Polizei "gesungen" und sollte deshalb hingerichtet werden. Michalski hatte sich an dem Jugendheim mit einem geladenen Karabiner auf die Lauer gelegt. Er schoss dem ahnungslosen Opfer aus nächster Nähe in den Rücken. Dann schlug er ihm den Gewehrkolben mehrfach auf den Kopf und tötete Richard S. schließlich mit einer zweiten Kugel.
Anschließend wurde die Leiche in einer zuvor ausgehobenen Grube im Wald verscharrt. Am 11. September 1993 entdeckten Spaziergänger den Toten. Eine Hand hatte aus dem Erdreich geragt. Thomas K. und Peter Paul Michalski hatten nach dem Mord bereits ein weiteres schweres Verbrechen begangen, indem sie am 24. August 1993 eine Sparkasse in Bielefeld-Brackwede überfielen.
Peter Paul Michalski steht seinem Fluchtkumpanen Michael Heckhoff in puncto Gefährlichkeit und Brutalität also in nichts nach. Heckhoff war wegen Geiselnahme einer Polizistin und zweier Banküberfälle Anfang der neunziger Jahre zu 15 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Traurige Berühmtheit erlangte Heckhoff dann 1992 wegen einer Geiselnahme in der Justizvollzugsanstalt Werl. Zusammen mit einem Komplizen nahm Heckhoff drei JVA-Bedienste und drei Arzthelferinnen als Geiseln.
Die beiden Männer forderten eine Million Mark Lösegeld, ein Fluchtauto und freies Geleit. Als Heckhoff den Wagen inspizieren wollte, wurde er angeschossen. Sein Komplize überschüttete einen JVA-Beamten und eine Arzthelferin mit Waschbenzin und zündete es an. Die Opfer erlitten schwerste Verbrennungen. Bei seinem Prozess musste Heckhoff Fußfesseln tragen. Im Gefängnis saß er lange Zeit in Hochsicherheitstrakten.