Pfarrer Wolfram Kötters bewegte Bilanz mit kritischen Anmerkungen nach 18 Herforder Jahren
Herford. Konsequent hat sich Wolfram Kötter immer eingemischt: in Kirchenpolitik, in Spar- und Sozialpolitik. Inkonsequent waren er und seine Frau, die Pastorin Miriam Gehrke-Kötter, nur, was die Anzahl der Herforder Dienstjahre betrifft. Zehn sollten es werden, als sie 1991 in der reformierten Petri-Gemeinde ihre Arbeit begannen, 18 Jahre sind es geworden, und die waren gehaltvoll.
Zunächst galt es, den Kulturschock zu verdauen: Aus Rom waren sie nach Herford gekommen. Im zweiten Dienstjahr konnte sich der Pastor mit der Gemeinde-Geschichte auseinandersetzen: das 200-jährige Bestehen wurde gefeiert mit Festvorträgen, auch vom früheren Bürgermeister und Gemeindemitglied Dr. Kurt Schober.
Mit der Baugeschichte der Kirche musste Kötter sich notgedrungen auseinandersetzen. Das Fundament war gesackt, der Riss im Gemäuer war zehn Zentimeter dick. Der Gewölbebogen wurde mit Stahl ummantelt, so brauchte man im Kirchenraum keine Haltestangen zu spannen.
Die Einrichtung des "Herforder Mittagstisches", 1997, ist wohl die bedeutendste Tat des Pfarrers dieser tatkräftigen Gemeinde. Im Gemeindehaus war der Tisch gedeckt. Zuvor mussten noch die Gemeindemitglieder überzeugt werden, die meinten, man sollte nicht "die Penner ins Haus holen". Kötter setzte den biblischen Auftrag dagegen: Gebt denen Brot, die keines haben. Gebt denen Zeit, die einsam sind. In der Ausstellung des Menschen-Fotografen Jürgen Escher "Die im Dunkeln sieht man doch" wurde das Sozialproblem eindringlich sichtbar. Das war im Jahr 2000, als der Mittagstisch in das Haus der Diakonie-Stiftung an der Schiller-Straße zog. Die Verbindung zur reformierten Gemeinde besteht weiterhin.
"Jede Kirche braucht ein Gesicht", sagt Kötter und beschreibt das Petri-Profil: eben jenen Mittagstisch, die Kirche als Predigtstätte sowie die Konfirmanden-Arbeit, "konsequent samstags: erfahrungs-, erlebnis- und gemeinschaftsorientiert". Wie vertrauensvoll das Verhältnis zwischen den Jugendlichen und dem Pastor ist, kann Kötter nur andeuten und sagt dann: "Gelebter Glauben macht ihn glaubwürdig."
Dieser Anspruch ist ihm ebenso wichtig wie eine "professionelle Anleitung zum Glauben". Doch Kirche musste "verschlankt" werden, weil es immer weniger Gemeindemitglieder und damit weniger Kirchensteuer gibt. 2005 war sparen das große Thema auf der "Todessynode", wie Kötter diese denkwürdige Sitzung des Kreiskirchenparlaments "bewusst" nennt. Drei Stellen wurden gestrichen. Das sei ohne eine Prioritäten-Diskussion geschehen. Im Ergebnis sei Kirche immer "pfarrer-zentrierter" geworden, "eine ungesunde Entwicklung", in der Berufsgruppen wie Jugendreferenten, Küster oder Kirchenmusiker keine Chance hätten. "Es kommt zu wenig Geld unten in der Gemeinde an", bemängelt der Noch-Petri-Pfarrer grundsätzlich.
"Gebäude-Strukturanalyse" war fürihn das Unwort des Jahres.Es bedeutet, die Gemeinden müssen den Kirchenraum konzentrierter nutzen und verkaufen, was nicht mehr genutzt wird. So trennte sich auch die Petri-Gemeinde von ihrem Gemeindehaus und schuf auf der Kirchen-Empore einen großen Versammlungsraum. Leuchtfeuer dieser Umgestaltung ist der neue Zugang zu dem 107 Jahre alten Gotteshaus: Der kupferne Kubus, der im grünen Kontrast zu den Steinquadern strahlt. Gewiss, manch’ Traditionalist hat sich ereifert. Und der Pfarrer kontert lächelnd: "Grün heißt, wir geben die Hoffnung nicht auf."
Das gilt für Herford wie für Schaffhausen, wo Wolfram Kötter (49) mit Frau Miriam Gehrke-Kötter (47) sowie den Kindern Lucas (16), Clara (14), Joel (13) und Jacob (9) ab Februar 2010 leben werden.
Die Pfarrstelle in der Zwingli-Gemeinde werden sich die beiden Theologen teilen. Unter 17 Bewerbern hatte das Presbyterium sie einstimmig gewählt. Die Probe-Predigt über den reichen Jüngling muss die Schweitzer, denen man ein besonderes Verhältnis zu Geld nachsagt, beeindruckt haben. Vielleicht hat Kötter auch von der Vortragsreihe zur Feier des 100-jährigen Bestehens der Herforder Petri-Kirche berichtet. Das Thema war "Christlich Leben im Alltag der Welt". Das ist auch die Position der Kötters.