Herford/Siegen. Es war ein Prozess, der wegen des hohen Schadens und der Dreistigkeit des Angeklagten in Siegen, in Olpe und im Hochsauerland für erhebliches Aufsehen sorgte und dessen Auswirkungen nun sogar bis Herford reichen.
Ein 41-jähriger Glasermeister hatte unter anderem mit einer von ihm gegründeten Firma Förderkredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erschlichen und seinen Arbeitgeber mit fingierten Bauprojekten geprellt. Spezielles feuerfestes Glas nach einer neuen Technologie herstellen zu könne, gab der Olper mit seiner Firma vor.
Stattdessen flossen Hunderttausende Euro nicht in Forschung und Entwicklung, sondern in seine Taschen. Mehr als 1,7 Millionen Euro Fördergelder und Beträge von seinem Arbeitgeber ergaunerte der Mann. Und noch während des Prozesses orderte er zum Erstaunen der Staatsanwaltschaft einen Audi A 8 für 81.000 Euro.
Wegen Betrugs in 22 Fällen verurteilte die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Siegen den geständigen Mann im August 2008 zu vier Jahren Haft. Die Strafe musste der Betrüger aber über Monate nicht antreten. Denn er galt als erkrankt und als nicht haftfähig.
Die Erkrankung hinderte den ehemaligen Schützenkönig allerdings nicht daran, als Prokurist am Aufbau einer in Herford gegründeten Firma mitzuarbeiten. Wie schlimm steht es also wirklich um den Mann? "Wir haben wegen der Erkrankungen Antrag auf Haftverschonung gestellt", erklärt sein Herforder Rechtsanwalt Dirk Baumann auf Anfrage. Er bestätigt: Sein Mandant sei tatsächlich so erkrankt, dass er nicht haftfähig sei. "Er befindet sich in Behandlung bei Spezialisten in Süddeutschland. Das Justizkrankenhaus in Fröndenberg hat in der Vergangenheit mitgeteilt, dass dort eine Behandlung nicht erfolgen kann." Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Siegen bestätigte die krankheitsbedingten Verzögerungen beim Haftantritt.
Zweifel an der Krankheitsgeschichte sind erlaubt- Seinem früheren Arbeitgeber hatte der Mann zwischenzeitlich eine schlimme Geschichte erzählt: Er habe Leberkrebs mit Metastasen und nur noch kurze Zeit zu leben. Das ist nun schon Jahre her. Andere Verzögerungen und Verspätungen, das berichtet die Siegener Zeitung aus dem Prozess, habe der Angeklagte unter anderem mit einem Kloster-Aufenthalt in Tibet oder mit der Teilnahme an einer Bärenjagd begründet.
Rechtsanwalt Dirk Baumann betont, dass die Anklagebehörde jederzeit auf die Informationen aus Süddeutschland zugreifen konnte. "Die Mediziner sind von ihrer Schweigepflicht entbunden. Und meinem Antrag auf Haftverschonung wurden jeweils die ärztlichen Befunde beigefügt. Die Behörde wusste jederzeit wo er war."
Baumann bestätigte dass die Schwester des 41-Jährigen das neue Unternehmen in Herford gegründet habe. Für das technische Verfahren seines Mandanten, der im Prozess die Veruntreuungen eingeräumt habe, aber stets betonte, dass er das Brandschutzglas tatsächlich fertigen könne, gebe es nach seinem Kenntnisstand inzwischen ein Patent. Es sei in Braunschweig geprüft worden.
Ende vergangener Woche zog die Staatsanwaltschaft Siegen – zehn Monate nachdem der Mann seinen Haft antreten sollte und 17 Monate nach dem Urteil – einen Schlussstrich. Der 41-Jährige sitzt derzeit in Haft, soll aber wohl in den offenen Vollzug in die JVA Bielefeld-Senne überstellt werden.











