Zahl alkoholisierter Minderjähriger im Krankenhaus erneut gestiegen / 17-jährige NW-Praktikantinnen im Einkaufstest / Diskutieren Sie mit
Herford. Seit Jahren nimmt die Zahl alkoholisierter Kinder und Jugendlicher, die im Krankenhaus landen, zu. 69 waren es im vergangenen Jahr in der Kinder- und Jugendklinik Herford - 58 im Jahr davor. Wie leicht es für Jugendliche ist, in Geschäften an "harten Stoff" zu kommen, zeigt der Test zweier Praktikantinnen der Neuen Westfälischen.
Ann-Kristin und Franziska sind beide 17. Ihre Einkaufstour durch Herforder Supermärkte und eine Tankstelle offenbarte, dass die Sensibilität des Verkaufspersonals, im Zweifel nach dem Ausweis zu fragen, nur sehr bedingt vorhanden ist. Und wenn doch, hat es gereicht, dass die beiden Jugendlichen den Führerschein einer 25-jährigen Kollegin vorzeigten. Um es vorweg zu nehmen: Jeder Versuch von Ann-Kristin und Franziska war von zweifelhaftem Erfolg gekrönt, wovon sie selbst überrascht waren.
Sie erzählen: "Wir starteten gleich mit einem Härtetest in einem Supermarkt. Eine Flasche Wodka und eine Neuner-Packung Kräuterschnaps sollten es sein. Schon am Eingang suchten wir uns die jüngere von zwei Kassiererinnen aus, bei der wir später bezahlen wollten - in der Hoffnung, sie sei in diesen Dingen unerfahrener."
Die Annahme sollte die beiden Testkäuferinnen nicht täuschen. "Bist du schon 18?" Der Flüsterton der jungen Kassiererin ließ vermuten, dass ihr die Frage fast schon peinlich war. Ann-Kristin: "Ich nickte nur kurz und selbstbewusst und bezahlte."
Noch ein wenig dreister gingen Ann-Kristin und Franziska im nächsten Verbrauchermarkt vor. In so jungen Jahren weiß man ja noch nicht, was bei italienischer Küche getrunken wird. Also baten sie um Beratung - und bekamen sie. Franziska: "Von einem Mitarbeiter, Anfang 20, erfuhren wir, dass Grappa ein Getränk unserer Wahl sein könnte. Er ließ uns wissen, dass es zwei Sorten davon gibt. Wir entschieden uns für den billigeren - mit 40 Prozent." Jetzt stand das Bezahlen an.
Täuschung gelingt
Die Kassiererin legte eine gewisse Sensibilität an den Tag. "Darf ich mal den Ausweis sehen?" Ann-Kristin holte den Führerschein der acht Jahre älteren Kollegin hervor, zu der lediglich in Bezug auf die Haarfarbe eine Ähnlichkeit besteht. Ann-Kristin: "Sie sah kurz auf das Bild, sagte ,Okay, vielen Dank', und wir konnten bezahlen."
Im nächsten Markt sollte es eine Flasche Apfelkorn sein. Gleiches Prozedere wie zuvor. "Hier war es der Kassiererin sogar peinlich, dass sie nach dem Ausweis gefragt hat", erzählt Ann-Kristin. "Sie entschuldigte sich sogar dafür, weil ich ja laut Führerschein schon 25 bin."
Beim Test an einer Tankstelle bemerkten Ann-Kristin und Franziska, dass sie auf ihrer Suche nach Hochprozentigem von den Kassiererinnen argwöhnisch beobachtet wurden. Mit einer großen Flasche Wodka-Waldmeister-Mix und einer kleineren mit purem Wodka für unterwegs standen sie an der Kasse. Franziska: "Hier dachten wir erst, dass es auffliegt, weil wir beobachtet wurden."
Ann-Kristin musste "ihren" Führerschein erneut zücken - zum Erstaunen der beiden Kassiererinnen. "Jahrgang ’84? Das hätte ich jetzt aber nicht gedacht." Die Kollegin war ebenso erstaunt. Ann-Kristin hat sich offenbar jung gehalten und bestätigt die beiden Kassierinnen in ihrem Erstaunen: "Ist ja nicht schlimm, ich werde häufig nach dem Ausweis gefragt."
Mit vollen Taschen kamen die beiden 17-jährigen jungen Frauen zurück in die Redaktion - selbst überrascht darüber, wie leicht es ihnen in den Geschäften gemacht worden ist. "Dass wir mit dem Führerschein der Kollegin Alkohol bekommen, hatten wir erwartet", sagt Ann-Kristin. "Vermutlich, weil es in vielen Geschäften aus Alibi-Gründen nur darum geht, überhaupt nach einem Ausweis gefragt zu haben, ohne ihn wirklich zu kontrollieren." Franziska ergänzt: "Aber dass wir in einigen Geschäften überhaupt nicht nach dem Alter gefragt wurden oder einfach auf unsere Behauptung, volljährig zu sein, vertraut wurde, finde ich schon sehr bedenklich."
Welche Arbeit volltrunkene Kinder und Jugendliche im Krankenhaus verursachen, lesen Sie im Info-Kasten.
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