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30.01.2010
HERFORD
Der leichte Weg zum Alkohol
Zahl alkoholisierter Minderjähriger im Krankenhaus erneut gestiegen / 17-jährige NW-Praktikantinnen im Einkaufstest / Diskutieren Sie mit
VON FRANZISKA MOGGE, ANN-KRISTIN SPRINGER UND GERALD DUNKEL

Herford. Seit Jahren nimmt die Zahl alkoholisierter Kinder und Jugendlicher, die im Krankenhaus landen, zu. 69 waren es im vergangenen Jahr in der Kinder- und Jugendklinik Herford - 58 im Jahr davor. Wie leicht es für Jugendliche ist, in Geschäften an "harten Stoff" zu kommen, zeigt der Test zweier Praktikantinnen der Neuen Westfälischen.

Ann-Kristin und Franziska sind beide 17. Ihre Einkaufstour durch Herforder Supermärkte und eine Tankstelle offenbarte, dass die Sensibilität des Verkaufspersonals, im Zweifel nach dem Ausweis zu fragen, nur sehr bedingt vorhanden ist. Und wenn doch, hat es gereicht, dass die beiden Jugendlichen den Führerschein einer 25-jährigen Kollegin vorzeigten. Um es vorweg zu nehmen: Jeder Versuch von Ann-Kristin und Franziska war von zweifelhaftem Erfolg gekrönt, wovon sie selbst überrascht waren.

Mitte Zwanzig?

Sie erzählen: "Wir starteten gleich mit einem Härtetest in einem Supermarkt. Eine Flasche Wodka und eine Neuner-Packung Kräuterschnaps sollten es sein. Schon am Eingang suchten wir uns die jüngere von zwei Kassiererinnen aus, bei der wir später bezahlen wollten - in der Hoffnung, sie sei in diesen Dingen unerfahrener."

Die Annahme sollte die beiden Testkäuferinnen nicht täuschen. "Bist du schon 18?" Der Flüsterton der jungen Kassiererin ließ vermuten, dass ihr die Frage fast schon peinlich war. Ann-Kristin: "Ich nickte nur kurz und selbstbewusst und bezahlte."
Noch ein wenig dreister gingen Ann-Kristin und Franziska im nächsten Verbrauchermarkt vor. In so jungen Jahren weiß man ja noch nicht, was bei italienischer Küche getrunken wird. Also baten sie um Beratung - und bekamen sie. Franziska: "Von einem Mitarbeiter, Anfang 20, erfuhren wir, dass Grappa ein Getränk unserer Wahl sein könnte. Er ließ uns wissen, dass es zwei Sorten davon gibt. Wir entschieden uns für den billigeren - mit 40 Prozent." Jetzt stand das Bezahlen an.

Täuschung gelingt

Die Kassiererin legte eine gewisse Sensibilität an den Tag. "Darf ich mal den Ausweis sehen?" Ann-Kristin holte den Führerschein der acht Jahre älteren Kollegin hervor, zu der lediglich in Bezug auf die Haarfarbe eine Ähnlichkeit besteht. Ann-Kristin: "Sie sah kurz auf das Bild, sagte ,Okay, vielen Dank', und wir konnten bezahlen."
Im nächsten Markt sollte es eine Flasche Apfelkorn sein. Gleiches Prozedere wie zuvor. "Hier war es der Kassiererin sogar peinlich, dass sie nach dem Ausweis gefragt hat", erzählt Ann-Kristin. "Sie entschuldigte sich sogar dafür, weil ich ja laut Führerschein schon 25 bin."

Beim Test an einer Tankstelle bemerkten Ann-Kristin und Franziska, dass sie auf ihrer Suche nach Hochprozentigem von den Kassiererinnen argwöhnisch beobachtet wurden. Mit einer großen Flasche Wodka-Waldmeister-Mix und einer kleineren mit purem Wodka für unterwegs standen sie an der Kasse. Franziska: "Hier dachten wir erst, dass es auffliegt, weil wir beobachtet wurden."
Ann-Kristin musste "ihren" Führerschein erneut zücken - zum Erstaunen der beiden Kassiererinnen. "Jahrgang ’84? Das hätte ich jetzt aber nicht gedacht." Die Kollegin war ebenso erstaunt. Ann-Kristin hat sich offenbar jung gehalten und bestätigt die beiden Kassierinnen in ihrem Erstaunen: "Ist ja nicht schlimm, ich werde häufig nach dem Ausweis gefragt."

Mit vollen Taschen kamen die beiden 17-jährigen jungen Frauen zurück in die Redaktion - selbst überrascht darüber, wie leicht es ihnen in den Geschäften gemacht worden ist. "Dass wir mit dem Führerschein der Kollegin Alkohol bekommen, hatten wir erwartet", sagt Ann-Kristin. "Vermutlich, weil es in vielen Geschäften aus Alibi-Gründen nur darum geht, überhaupt nach einem Ausweis gefragt zu haben, ohne ihn wirklich zu kontrollieren." Franziska ergänzt: "Aber dass wir in einigen Geschäften überhaupt nicht nach dem Alter gefragt wurden oder einfach auf unsere Behauptung, volljährig zu sein, vertraut wurde, finde ich schon sehr bedenklich."

Welche Arbeit volltrunkene Kinder und Jugendliche im Krankenhaus verursachen, lesen Sie im Info-Kasten.

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MÄDCHEN HABEN DIE JUNGS ÜBERHOLT

Statistisch werden pro Woche ein bis zwei Kinder oder Jugendliche unter Alkoholeinfluss in die Kinder-undJugendklinik eingeliefert. "Die meisten
sind über 14 Jahre alt", sagt Chefarzt Dr. Rolf Muchow. Aber er hat auch schon elfjährige Kinder gesehen, die nicht mehrHerr ihrer Sinne waren.

69 alkoholisierte Minderjährige wurden im vergangenen Jahr hier aufgenommen, im Jahr davor waren es 58, und 49 im Jahr 2007. "Mädchen nehmen dabei derzeit mit 55 Prozent einen immer größeren Anteil ein und haben die Jungs vor etwa zwei oder drei Jahren überholt", erläutert Muchow. Der Blutalkoholgehalt liege häufig zwischen 1,2 und 1,6 Promille. Aber auch Kinder jenseits der Zwei-Promille-Grenze seien keine Seltenheit, so der Mediziner.

Von den 320 Kindern, die Klinik-Psychologin Katrin Ramöller im vergangenen Jahr wegenunterschiedlicher Symptomatiken begutachtet hat, nahmen die 69 Fälle von Alkoholmissbrauchdengrößten Teil ihrer Arbeit ein. Sie kümmert sich um jeden jungen Patienten, der mit Promille im Blut eingeliefert wird. Die familiäre Herkunft der volltrunkenen jungen Patienten gehe aber durch alle sozialen Schichten. 70 - 80 Prozent hätten einen "hochprozentigen Fusel" getrunken.

Was Muchow aber besonders bedenklich findet, ist die Tatsache, dass viele an einem Wochentag morgens eingeliefert werden, obwohl sie zu der Zeit eigentlich in der Schule sein müssten. "Problematisch wird es immer, wenn die betrunkenen Jugendlichen gegenüber dem Klinikpersonal aggressiv werden und sich nicht ins Bett legen wollen", sagt Dr. Rolf Muchow. "Die binden dann viel Personal." Am liebsten seien ihm die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern man in einem solchen Fall anrufen kann und die dann abgeholt werden.


Mehr zum Thema in nw-news.de

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Kommentare
Es ist immer wieder erstaunlich, wie die naiven und unüberlegt oberflächlichen glaubenssätze geäussert und nachgeplappert werden. Es ist hier von einigen schon angedeutet worden: wer alkohol will, kommt auch ran. Dieses rumdoktorn an den symptomen hatten wir schon vor einigen monaten mit den amokläufen. Da hat das bereits geänderte waffengesetz versagt, und was macht man? -nochmal ändern.. Wäre nicht mal denken und herausfinden der ursachen angesagt? Nein gesetze machen und kontrollieren ist einfacher, woll? Ich mach es lieber altmodisch: aufklären, beispiel vorleben und möglichst eine welt gestalten, die betäubung uninteressant macht.

Ich glaube nicht, dass das "kalter Kaffee" ist, wie hier jemand schreibt. Dieses Themas kann man sich eigentlich gar nicht oft genug annehmen und wenn man die Mädchen sieht, wirken sie auf mich auch nicht aufgebrezelt, da gibt es andere junge Frauen, die es richtig darauf anlegen, älter auszusehen. Und nur mal zur Rechtslage, weil es hier jemand als strafbare Handlung bezeichnet. Ich bin selbst Jurist, obwohl das hier nicht mein Fachgebiet ist. Ich gehe davon aus, daß die Mädchen im Auftrag und mit Wissen ihrer Eltern gehandelt haben und daß der Ausweis nicht gefälscht war sondern nur der einer anderen Person war. Wenn das so ist liegt hier kein vergehen vor. Außerdem zählt es meines Wissens nicht zu den strafbaren Handlungen, wenn Jugendliche Alkohol kaufen, die strafbare Handlung ist der Verkauf. Und ferner ist die Anstiftung von Jugendlichen Alkoholika zu kaufen, nicht strafbar, so lange dem Jugendlichen oder einer anderen Person (so steht es irgendwo im Gesetzestext) dadurch kein Schaden entsteht. Für die Kassierinnen ist es natürlich schwer, aber hier ist ja Gott sei Dank auch niemand genannt, sondern es ist anonym. Hier im Raum Münster hat das eine andere Zeitung mal mit Nennung des Geschäfts gemacht. Das war dann nicht so toll. Ich glaube schon, daß es was bringt, wenn die Leute das lesen, die mit dem Thema zu tun haben.

Da kommt Ihr Euch jetzt sicher richtig toll und wichtig vor, liebe NW-Redakteure. Das ist investigativer Journalismus vom Feinsten. Watergate lässt grüßen. Im Ernst: Selten hat man kalten Kaffee so schlecht aufgewärmt wie bei dieser Geschichte. Mann, was ist das einfallslos, zwei aufgebezelte 17-Jährige (die tatsächlich wie Mitte 20 aussehen) zum Schnapskaufen zu schicken. Ist schon tausendmal gemacht worden und klappt immer wieder. Dadurch erreicht und ändert man nichts. Allenfalls bringt man die schwächsten Glieder, d.h. die armen Leutchen die für einen Hungerlohn in den Supermärkten arbeiten um ihren Job. Hinzu kommt, dass die NW mit dieser Aktion ihre minderjährigen Praktikantinnen zu einr strafbaren Handlung angestiftet hat. Seriös ist was anderes.

der erziehungsauftrag liegt doch bei den Eltern.vielleicht sollen die eltern den teenies mal den unterschied zwischen alkoholmißbrauch und alkoholgenuß erklären.desweiteren sollten sie den kids auch nicht vorleben ,dass man überall und zu jedem anlass alkohol trinken muß.jugendliche registrieren und verstehen oft mehr als man denkt.wie viele nehmen wohl zum vortrinken den alk aus papis bar oder keller.

Gab es einen solch fragwürdigen Testkauf nicht auch schonmal vor einigen Monaten bei RTL? Wenn man es drauf anlegt, jemanden zu betrügen (gefälschter / falscher Ausweis) wird es einem auch gelingen, ist aber trotzdem strafbar. Hier sind Eltern gefordert und sicherlich nicht die Kassiererin, die wahrscheinlich noch entlassen würde, wenn sie die Echtheit eines Ausweises anzweifeln und den Kassenbetrieb aufhalten würde.



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