Herford. Stehende Ovationen – kopfschüttelnde Verweigerung. Schrill und makaber rast der "Black Rider" des Landestheater Detmold über die Bühne und spaltet das Publikum in Begeisterte und Angewiderte.
Manch einer wartete am Sonntagabend gespannt auf den "Freischütz", Carl Maria von Webers romantische Oper. Vergebens, denn der Stoff von Webers ist nur Vorlage für William Burroughs Stück "The Black Rider" und hat abgesehen von der Handlung nicht viel gemein mit dem Original.
"Welcome to Hell – Willkommen in der Körperwelt", krächzt der Teufel, klettert aus einem Container, der schräg aus dem Boden ragt und stiefelt über die Bühne. Die Band spielt Tom Waits’ fröhlich-verrückte Musik, und das irre Spiel beginnt.
Der Schreiber Wilhelm liebt die Förstertocher Käthchen. Um sie zu heiraten, muss er das Schießen lernen, so verlangt es ihr Vater Bertram. Doch die Schießkünste des jungen Wilhelm sind erbärmlich, und die Liebes-Hochzeit droht zu platzen.
Dann taucht der Teufel "Stelzfuß" auf und bietet seine Hilfe an: "Du hast den Kummer, ich die Medizin", kräht er und hält Zauberkugeln für den Verzweifelten bereit. Schaurig und abstoßend sieht Stelzfuß aus. Er trägt schwarze, mit fellüberzogene Stiefel. Er ist kreideweiß geschminkt und erinnert mit seiner einen weißen Kontaktlinse ein wenig an den Skandalrocker Marilyn Manson.
Die Kostümierung der Akteure überzeugt vor allem durch Einfallsreichtum und Liebe zum Detail. Der Förster-Ahne Kuno trägt ständig einen Bilderrahmen mit sich herum und kommentiert das Geschehen als lebende Requisite. Die Försterfamilie trägt neben grünen Jägerhüten blutbespritzte Schlachterschürzen und läuft Messer wetzend umher, wobei die unbedarfte Tochter ständig mit einer weißen Gans verträumt über die Bühne wandelt. Schon beim ersten Blick auf die Bühne fällt auf: Normal ist hier nichts.
Und gerade das verdient Würdigung. Auf einem runden, sich drehenden Podest wechselt die Kulisse ständig. Gestapelte, rostig-rote Baucontainer und meterlange Baumstämme sind gleichzeitig Wald und Wohnzimmer, Schlachterküche oder Amtszimmer des Herzogs. Die Musik der Band und das Licht unterstützen die jeweilige Stimmung: Pompös und bunt erhellt ist sie, als die Protagonisten wild durcheinander tanzen. Als Wilhelm wie im Drogenrausch mit seinen Zauberkugeln auf pinke Plüschhasen ballert, schimmert die Bühne rot. Die Musik ist schrill. Schleichend kündigt sich der Wahnsinn an. Selten ist es still oder ruhig.
Mit fortschreitender Handlung nimmt auch die Hektik zu in diesem Theater. Plötzlich sitzt ein Mann in weißem Anzug auf der Bühne und hält einen Monolog. Er beschreibt eine perfide Gewalttat, steigert sich in seinem Rausch bis zum Verlust der Selbstkontrolle. Auch Wilhelm verliert die Fähigkeit zum selbstbestimmten Handeln, er ist abhängig von den Zauberkugeln.
Zitternd wie ein Junkie lässt er sich erneut mit seinem teuflischen Dealer ein. Diesmal knüpft Stelzfuß eine Bedingung an die Lieferung der Zaubermunition: "Eine Kugel lenke ich".
Mit einem finalen Schuss muss Wilhelm sich beweisen. Die Kugel surrt umher und trifft die Braut. Wie aus einem Rausch erwacht er und sieht was sein törichtes Verhalten bewirkt hat. Voller Trauer und Entsetzen wird er geisteskrank und vom Teufel in eine schwarze Zwangsjacke gesteckt.
Der Stelzfuß hat triumphiert, der Vorhang senkt sich. Uneinig ist die Reaktion des Publikums: Heftiger Applaus und pikierte Flucht.