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13.03.2010
HERFORD
Knast-Alltag im Netz
Gefangene der Herforder Justizvollzugsanstalt drehen Videos und stellen sie ins Internet
VON MEIKO HASELHORST

Keine schönen Aussichten | FOTO: MEIKO HASELHORST

Herford. Friedrich Waldmann, Anstaltsleiter des Herforder Jugendgefängnisses, sitzt in seinem Büro und sieht sich ein Musikvideo an. Ein junger Mann mit dem Aussehen eines deutsch-türkischen Rappers, sehnt sich nach "Freiheit". MTV? VIVA? Von wegen - den professionell wirkenden Schwarz-Weiß-Clip haben Herforder Gefangene gedreht und ins Internet gestellt.

"Podknast" heißt das landesweite Projekt, an dem das Herforder Jugendgefängnis - neben einigen weiteren in NRW - seit einem Jahr teilnimmt. Es handelt sich um kurze Video- und Audiosequenzen - sogenannte Podcasts - die über den "Knast" und die "Knastis" berichten. Herford hat bereits vier Folgen für das Projekt abgedreht und unter www.podknast.de ins weltweite Netz gestellt. Die Filme sollen realistische Einblicke in den Alltag der beteiligten Anstalten geben - in die Enge der Zelle, die sportlichen Aktivitäten im Hof und auch in die Biographie und die Gedankenwelt der einzelnen Gefangenen.

"Ein Ziel ist es, den jungen Menschen draußen klarzumachen, dass Knast sich nicht lohnt", sagt Waldmann, "gleichzeitig wollen wir unseren Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung und eine Qualifikation für die ,Zeit danach’ anbieten." Waldmann sieht "seine Jungs" im Vergleich mit den filmenden Gefangenen aus Siegburg, Iserlohn und anderen NRW-Gefängnissen weit vorne. "Und ich kann nicht verhehlen, dass ich darauf stolz bin", sagt der Anstaltsleiter.
Nicole Sonnenbaum trägt ihren Teil zum Erfolg bei. Die Diplom-Pädagogin ist seit 2008 für das Gebiet "sinnvolle Freizeitgestaltung" an der JVA zuständig. Fernseh gucken kommt da nicht in Frage - Fernsehen machen schon eher. "Filme drehen wir hier schon seit einigen Jahren, aber ins Internet stellen wir sie erst, seitdem es ,Podknast’ gibt, also ungefähr seit einem Jahr", sagt Sonnenbaum.

Video

Die 28-Jährige hatte keine große Mühe, unter den etwa 350 Gefangenen zwischen 17 und 23 Jahren Interessenten für die neue Freizeit-Betätigung zu finden. Acht Jugendliche produzierten Ideen für die Filme, schrieben Drehbücher und führten Regie. Weitere acht Gefangene erwarben in internen Workshops Kenntnisse in Kameraführung, Schnitt und anderen Fertigkeiten zur Produktion eines Videos. Kein Film ohne Schauspieler. "Die haben sich unsere 16 Filmemacher selbst ausgesucht", sagt Sonnenbaum.

"Bei der Technik half uns anfangs jemand von der Kultur & Art-Initiative aus Detmold", sagt die Pädagogin. Besonderen Wert legten die Künstler darauf, die Anonymität zu wahren, ohne mit "schwarzen Balken vor den Augen" zu arbeiten. Die Umsetzung ist künstlerisch wertvoll gelungen. Mehrere Wochenenden Arbeit für einen fünfminütigen Film waren keine Seltenheit. "Aber hier hat man ja Zeit", sagt Waldmann in einem leichten Anflug von Sarkasmus.
Im Laufe der Zeit entwickelten sich die "Podknastis" zu Spezialisten - vor und hinter der Kamera. Das brachliegende Talent, das sich beim Drehen offenbarte, ist beachtlich. "Da die Jugendlichen bei uns keinen Zugang zum Internet haben, mussten sie sich ihre Werke auf DVD anschauen", sagt Sonnenbaum. "Die waren selbst ganz schön erstaunt, was sie so auf die Beine stellen können." Die positiven Kommentare der Öffentlichkeit auf besagter Website, die ihren Adressaten in ausgedruckter Form vorgelegt wurden, gaben den jungen Männern zusätzliche Motivation.Einer der Darsteller ist Gürbüz (Name geändert). Der Kurde sitzt bereits seit mehr als drei Jahren im Herforder Jugendgefängnis ein und übernimmt im eingangs erwähnten Musik-Video "Ich will raus" den Background-Gesang und ruft nach "Azadi", nach Freiheit auf Kurdisch. "Wenn ich draußen bin, will ich weiter Musik machen", sagt Gürbüz. Vielleicht sieht ihn Anstaltsleiter Friedrich Waldmann ja eines Tages tatsächlich auf MTV.

Das "Gedicht zur Zeit"

Folgendes Gedicht hat ein junger Gefangener der Herforder JVA selbst geschrieben und in einem Podcast auf "Podknast" vertont:
"Um den Wert eines Jahrtausends zu erfahren, frage alle die, die den Jahrtausendwechsel mitgefeiert haben. Um den Wert eines Jahrhunderts zu erfahren, frage einen Menschen, der 1901 geboren ist. Um den Wert eines Jahrzehnts zu erfahren, frage den Forscher nach dem Absturz der Ariane-Rakete. Um den Wert eines Monats zu erfahren, frage die Mutter, die ihr Kind zu früh zur Welt gebracht hat. Um den Wert einer Woche zu erfahren, frage den Herausgeber einer Wochenzeitschrift. Um den Wert eines Tages zu erfahren, frage ein Ehepaar, das seine Diamanthochzeit feiert.

Um den Wert einer Stunde zu erfahren, frage die Verliebten, die darauf warten, sich zu sehen. Um den Wert einer Minute zu erfahren, frage jemanden, der den Zug, den Bus oder seinen Flug verpasst hat. Um den Wert einer Sekunde zu erfahren, frage jemanden, der zum ersten Mal im Knast sitzt. Um den Wert einer Millisekunde zu erfahren, frage dein Herz und erkenne deine Seele. Um den Wert der Zeit zu erfahren, vertraue Gott und
verschwende nicht dein Leben, sondern genieße es. Die Zeit ist Gottes Art und Weise, zu verhindern, dass alles auf einmal passiert."


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Kommentare
... tze.. Die sitzen da nicht ohne Grund drin... Die sollten lieber ein Video über die Opfer drehen, denen sie Leid gebracht haben ... und nich wie es denen im Knast geht! Um die Täter wird sich gekümmert und das Opfer wird im Regen stehen gelassen.. So ist das hier!


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