Herford. Sigmar Gabriel zeigt sich als Mann spontaner Entschlüsse: Als Betriebsrat Olaf Rauch ihm vorschlägt, doch kurz mit ihm beim Geschäftsführer des in der vierten Woche bestreikten Betonwerks Westerwelle vorbeizuschauen, ist der SPD-Bundesvorsitzende schon unterwegs: "Na los, gehen wir".
"Der muss sehen, dass es so nicht geht, er verstößt gegen unsere Verfassung", hat er kurz zuvor den Bericht der Streikenden über die "Affäre Westerwelle" kommentiert, den Bericht über Kündigungen, Aussperrung, Hausverbote und Behinderung der Betriebsratswahl. Gabriel: "Jeder hat sich an Recht und Gesetz zu halten, auch der. Das sind Manieren, die sind unanständig".
Doch zugleich denkt der Promi-Gast aus Berlin laut darüber nach, wie es nach dem Streik weiter geht. "Am Ende des Tages müssen Sie ja wieder zusammen arbeiten". Manchmal sei man "auf dem Baum", man verrenne sich, er kenne das auch von sich selbst. Und dann müsse jemand eine Leiter aufstellen, damit man wieder herunterkommt.
Sprach’s und ließ sich von den Betriebsräten Rauch und Jürgen Schümer in den Verwaltungstrakt des Betonwerks begleiten. Das gegen sie verhängte Hausverbot war kurz zuvor aufgehoben worden.
Doch Kai-Uwe Westerwelle wollte nicht mit Gabriel reden. "Ich habe durchaus Verständnis dafür, in dieser Situation", kommentierte der SPD-Chef, um ein weiteres Gespräch nach dem Wahltag am 9. Mai anzubieten.
"Ich finde supertoll, was Sie hier machen, supermutig", hatte er zuvor den in rote Hemden gekleideten Streikenden gesagt. "Das ist ja in Deutschland nicht mehr üblich, dass die Menschen sich für ihr Recht einsetzen". Und dass es das Recht eines jeden einzelnen ist, sich für einen Betriebsrat und anständige Löhne einzusetzen, daran könne es keinen Zweifel geben.
Der Mann aus Berlin macht deutlich, dass ihn der Mut der Westerwelle-Mitarbeiter persönlich beeindruckt - und dass dieses Erlebnis den kleinen Abstecher nach Herford gelohnt habe.
IG BAU-Sekretär Bodo Matthey hat noch ein heikles Thema: Die Rolle von Leiharbeitsfirmen, die in diesem Konflikt die Rolle von Streikbrechern übernommen hätten. Gabriel überlegt nicht lange: "Das ist einer der größten Blödheiten, die wir gemacht haben", sagt er über die Leiharbeitsregelungen der früheren rot-grünen Bundesregierung. Künftig dürften Leiharbeiter nur mit Zustimmung von Betriebsräten eingesetzt werden, fordert er - unter strikter Beachtung des Prinzips "gleicher Lohn für gleiche Arbeit".
Er hoffe auf die Unterstützung der Bundesländer für eine entsprechende Gesetzesreform, fügt er hinzu. "Doch Länder wie NRW unterstützen uns darin leider nicht". Damit hat er den Bogen zum Hintergrund seines Besuchs, dem NRW-Landtagswahlkampf, geschlagen, in dem er sich für eine "arbeitnehmerfreundlichere Landesregierung" einsetzt.
Der Beifall der Streikenden für die Kritik an der Leiharbeit ist ihm gewiss. Die stehen seit mehr als 20 Tagen täglich in der Kälte auf der Straße, bislang ohne Ermüdungserscheinungen. "Es tut gut, unterstützt zu werden", verrät Jürgen Schümer. Und Betriebsratsvorsitzender Olaf Rauch freut sich darüber, dass man "mit dem Gabriel ganz normal reden kann".
Er denkt bereits an die nächsten Tage - in der Hoffnung, dass sich endlich etwas bewegt: "Es ist ja nicht viel, was wir wollen - Rücknahme der Kündigungen und stufenweise Einführung einer vernünftigen Entlohnung".