INTERVIEW: Dr. Egbert Schlüter, Transplantations-Beauftragter des Klinikums Herford
Kreis Herford. Für gute Arbeit im Bereich der Organspende wird das Herforder Klinikum heute als eines von fünf Krankenhäusern in NRW ausgezeichnet. Stefan Boscher sprach mit dem Transplantations-Beauftragten Dr. Egbert Schlüter, über seine Arbeit und die Ängste der Patienten.
Was macht ein Transplantations-Beauftragter?DR. EGBERT SCHLÜTER: Ich bin das "Bindeglied" zwischen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) und dem Klinikum Herford und damit zuständig für alles, was mit Organspende zu tun hat.
Wie viele Organspenden gab es in den vergangenen Jahren im Klinikum Herford?DR. SCHLÜTER: Im vergangenen Jahr waren es vier Organspenden, 2008 keine. 2007 wurden zwei und 2006 eine Organspende realisiert.
Vier Spender klingt wenig . . .DR. SCHLÜTER: Für ein Krankenhaus unserer Größe ist die Zahl zufriedenstellend. Wir haben zwar mehrere Intensivstationen, aber keine Neurochirurgie. Aus diesem Bereich kommen aber viele Organspender. Unsere Patienten und potentiellen Spender haben eher neurologische und internistische Krankheiten, unter anderem Herz-Kreislauf-Stillstände, die zwar wiederbelebt werden konnten, aber deren Gehirn so schwere Schäden erlitten haben, dass es zum Hirntod gekommen ist.
Sie sprechen ganz offen über dieses Thema. Ist das der Normalfall?DR. SCHLÜTER: Nein, Organspende ist immer noch ein Tabuthema.
Warum?DR. SCHLÜTER: Es gibt vor allem ein großes Informationsdefizit. Die Menschen wissen zu wenig darüber. Oftmals mag man sich auch nicht näher damit beschäftigen, denn immerhin geht es um den Tod. Aber man muss sich klar machen: Es gibt viele Errungenschaften der modernen Medizin, die stehen uns unbegrenzt zur Verfügung, Beispiel Antibiotika. Bei der Organspende aber gibt es Grenzen - nämlich die Zahl der Spender. Darum lohnt es sich auf jeden Fall, einmal über Organspende nachzudenken.
Was heißt das in Zahlen?DR. SCHLÜTER: In Deutschland warten etwa 12.000 Menschen auf eine Organspende. Dem gegenüber stehen rund 4.000 gespendete Organe. Viele Menschen warten also lange auf ein Organ - und jedes Jahr kommen neue Patienten hinzu.
Wie können Sie da gegensteuern? DR. SCHLÜTER: Wir können Aufklärungsarbeit leisten. Die Menschen müssen bereit sein, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Was viele nicht wissen: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann einmal auf eine Organtransplantation angewiesen sein könnten, ist sehr viel größer, als die Wahrscheinlichkeit, dass sie selbst zum Organspender werden.
Das Interesse der Menschen an diesem Thema ist also gering?DR. SCHLÜTER: Das kann man so nicht sagen: Die Mehrheit der Deutschen - 82 Prozent - sagt, dass sie der Organspende positiv gegenüberstehen. Aber nur etwa 18 Prozent haben einen Organspendeausweis.
Wovor haben die Menschen denn Angst?DR. SCHLÜTER: Man hört von Ängsten wie: Wenn ich einen Organspendeausweis habe, wird bei mir vielleicht nicht die Intensiv-Therapie durchgeführt, die mich retten könnte? Oder: Werden eventuell Organe entnommen, obwohl man noch nicht tot ist? Das ist die größte Sorge.
Aber das ist hoffentlich nicht so . . .DR. SCHLÜTER: Nein, natürlich nicht. Voraussetzung für eine Organspende ist der Hirntod und der muss von zwei Ärzten festgestellt werden, die nicht an der Organentnahme und Transplantation beteiligt sein dürfen. Es ist einer der sichersten Diagnosen in der Medizin überhaupt. Die Hirntod-Diagnostik wird mit größter Sorgfalt durchgeführt. Bislang hat es keinen einzigen Fall gegeben, in dem sich der Patient nach der Diagnose Hirntod wieder erholt hätte. Hirntod heißt, der Patient ist tot.
Wie muss ich mir als Laie eine Organspende vorstellen?DR. SCHLÜTER: Neben der Hirntod-Diagnose bedarf es der Einwilligung des Patienten oder der seiner Angehörigen. Wir sprechen dann mit den Angehörigen, wenn sie die Todesnachricht, die sie meist unerwartet trifft, realisiert haben. Liegt die Einwilligung vor, melden wir den Spender an die Koordinierungsstelle der DSO. Alle notwendigen Daten werden zusammengetragen und dann an Eurotransplant in Holland weitergeleitet. Dort werden mögliche Empfänger gesucht und die Transplantationszentren informiert, die den potentiellen Empfänger betreuen. Die Organentnahme wird von Kollegen aus Münster vorgenommen, die selbst Transplantationschirurgen sind, zum Beispiel aus der Universitätsklinik Münster. Zur Entnahme von Herz und Lungen kommen grundsätzlich Ärzte aus den Kliniken, in denen die Organe anschließend auch verpflanzt werden.
Das klingt ziemlich aufwändig und zeitintensiv.DR. SCHLÜTER: Es läuft immer die Uhr. Je schneller Organentnahme und -transplantation stattfinden können, desto besser die Erfolgsaussichten. Das ist von Organ zu Organ unterschiedlich. Bei den Nieren haben wir bis zu 36 Stunden Zeit, bei der Leber maximal zwölf Stunden, bei Herz und Lungen nur vier bis fünf Stunden.
Das Klinikum Herford wird heute dafür ausgezeichnet, dass "die Organspende als wesentlicher Teil des klinischen Versorgungsauftrages ernst genommen wird". Was bedeutet die Ehrung für Ihr Haus?DR. SCHLÜTER: Wir beteiligen uns an der Gemeinschaftsaufgabe "Organspende", so wie es das Transplantationsgesetz von 1997 vorgibt. Wir haben unsere Anstrengungen in den vergangenen Jahren intensiviert. Wir informieren über Organspende und bilden unsere Mitarbeiter entsprechend weiter. Wir schärfen das Bewusstsein über das Thema und schulen das Personal auf den Intensivstationen, potentielle Organspender zu erkennen und alles dafür zu tun, um die Organspende realisieren zu können, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind.
Sie selbst haben doch wohl hoffentlich auch einen Organspendeausweis?DR. SCHLÜTER: Ja, natürlich. Und zwar aus Überzeugung und in dem Wissen, dass ich selbst auch auf eine Organspende angewiesen sein könnte.