Herford. Die abgedunkelten Schaufenster lassen nur wenig Tageslicht in die riesige Halle. Lose Kabel hängen von der Decke herab. An einigen Stellen ist der Boden noch mit Teppich bedeckt. Die Rolltreppe steht schon etwas länger still - zahlreiche Spinnengewebe sind ein untrügliches Zeichen. Um die Jahrtausendwende tobte hier noch das Leben. Seit zehn Jahren ist im ehemaligen Kaufhofgebäude aber tote Hose.
"Hier unten waren damals Drogerie, Reisebüro, Schmuck-, Schreibwaren- und Fotogeschäft untergebracht", sagt Heike Bartsch und zeigt bei ihrer Aufzählung in die entsprechenden Richtungen. Die 46-Jährige übernahm nach Schließung des Kaufhofs im Jahr 2000 den Job als Hausmeisterin und ist mit dem leer stehenden Gebäude bestens vertraut. Vorher machte ihr Mann den Job, darum kennt sie das ehemalige Kaufhaus auch noch aus anderen Zeiten.
Die Aufzüge funktionieren schon lange nicht mehr, in den Keller gelangt man übers Treppenhaus. Ohne Taschenlampe geht hier nichts. Es ist kühl und riecht muffig. Ein alter Feuerlöscher steht als Stolperfalle im Weg. Schritte und Stimmen hallen an den Wänden wider. "Das hier war das Kühlhaus für die Lebensmittelabteilung", sagt Marion Köhn von der Wirtschaftsförderung und richtet den Lichtkegel ihrer Taschenlampe in einen weiß gekachelten Raum, der im hinteren Bereich in verschiedene Parzellen aus mit Gewebe verstärktem Glas eingeteilt ist.
An einer Tür hängen zwei Plakate mit Sicherheitshinweisen, die wahrscheinlich schon zur Kaufhof-Eröffnung im den frühen 70ern hier gehangen haben. Männer mit Schnäuzer und Frauen mit Dauerwelle und Polyesterkittel demonstrieren mit neutralem Gesichtsausdruck ohne jeglichen Anflug von Nervosität, wie man sich im Falle eines Feuers zu verhalten hat. Im "Käselager" klebt noch ein Paketzettel mit alter Postleitzahl an der Wand, ein paar Meter weiter werden potentielle Langfinger schriftlich darauf hingewiesen, dass die D-Mark-Scheine im Tresorraum durch Farbpatronen geschützt sind. Irgendwann hat sie aber doch einer mitgenommen - der Raum ist jedenfalls leer.
Eine einsame, blasse Motte balanciert über ein Kabel an der Wand. Heike Bartsch erinnert sich: "Als die Alarmanlage in den ersten Jahren nach der Schließung noch funktionierte, wurde sie ab und an von Spinnen ausgelöst, die über die Bewegungsmelder krabbelten", sagt Bartsch und lacht. Mittlerweile dürfte hier unten auch den Spinnen die Nahrung ausgegangen sein.
Ein ganz anderes Bild in den oberen Etagen: Auf der Terrasse im 2. Obergeschoss kämpfen sich Birke, Ahorn, Eberesche und Fichte durch die Ritzen zwischen den Waschbetonplatten. Ein Haussperling landet auf einem kleinen Ast und scheint sich auf den Wald zu freuen, der hier entsteht.
Ein paar Meter weiter hängt in der einstigen Deko-Abteilung ein altes Udo-Lindenberg-Plakat an der Wand. Wie alt es ist, erschließt sich bei einem Blick auf das volle Haupthaar des Sängers. Ein paar Kunstwerke an der Wand beweisen, dass die Deko-Mitarbeiter des Kaufhofs seinerzeit durchaus nicht unkreativ waren. Genutzt hat das letztlich nicht allzu viel.
Eine am Fenster stehende Preisliste mit Küchengeräten von Fleischtopf bis Flötenkessel lässt Erinnerungen an selige D-Mark-Zeiten aufkommen. In der Kantine hängen noch einige Halbschalen-Lampen - gehalten im damals populären, knalligen Orange. Neben einem Spiegel klebt ein Aufkleber: "Freu Dich auf Kaufhof Herford - Eröffnung am 30. 8. 73".