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09.02.2012
HERFORD
Paddeln auf der Lübberstraße
Bisher unveröffentlichte Fotos vom Hochwasser am 9. Februar 1946 aufgetaucht
VON THOMAS HAGEN UND MATHIAS POLSTER

Schiff ahoi | FOTO: PRIVAT

Herford. Schon immer hatte Herford mit Überschwemmungen zu kämpfen gehabt - aber diese Regenmengen, über Januar und Februar verteilt, waren einfach zu viel: Allein vom 8. auf den 9. Februar 1946 fielen 130 Liter pro Quadratmeter, ein Fünftel der jährlichen Regenmenge. Wälder waren wegen Brennholzmangels abgeholzt worden, der Boden konnte kein Wasser mehr aufnehmen. Im ersten Winter nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs brachte eine ungewöhnliche Wetterlage das Fass buchstäblich zum Überlaufen.

Und das so nachhaltig, dass die gesamte Innenstadt unter Wasser stand. Während die meisten Menschen um ihr Hab und Gut kämpften, schnappte sich Gerichtsassessor Rudolf Westerhaus seinen Fotoapparat. Er dokumentierte das Hochwasser quer durch die Stadt. Nun sind weitere Fotos aufgetaucht. Sie stammen aus dem Familienbesitz von Hannelore Haumann aus der Hämelinger Straße.

Zum Zeitpunkt des Hochwassers war sie erst drei Jahre alt. Sie erinnert sich jedoch, dass zahlreiche Schweinekadaver auf der Werre trieben.

Polizeibeamte und Sirenen hatten die Bevölkerung gewarnt. Die jedoch nahm diese Warnungen nicht recht ernst. Glücklicherweise waren trotzdem keine Menschenleben zu beklagen.

Am 9. Februar stiegen die Fluten derart an, dass Paddelboote über die Lübberstraße schipperten und auf diesem Wege Brot auslieferten. Fleischermeister Heinrich Deppe (88) weiß noch genau, wie das Hochwasser kam: "Es war nachts, als mein Onkel Ernst (Wirt des Ratskellers am Neuen Markt, Anm. d. Red.) rief: ,Heini, wach’ auf, die Werre fließt durch die Lübberstraße!’ Da sind wir schnell in den Keller und haben uns alles gegriffen, um es noch trocken vor den Fluten zu retten."

Ein anderer Zeitzeuge erinnert sich: "Anfangs war die Strömung so stark, dass wir uns nur an den Zäunen vorwärts ziehen konnten. Baumstämme wurden von der zu einem reißenden Fluss angeschwollenen Werre mitgerissen und donnerten mit so großer Wucht gegen die Pfeiler der Hansabrücke, dass sie weggerissen wurden."

Die namensgebende Hanse-Figur war nach dem Hochwasser verschwunden und tauchte nie wieder aus den Fluten auf. Auch die Herder-Brücke wurde weggerissen und in den Wohnungen in der Innenstadt stand das Wasser zum Teil brusthoch, Ufer-Anlieger mussten deshalb evakuiert werden.

Auslöser für das Jahrhunderthochwasser war eine ungewöhnliche Wetterkonstellation. Warme ozeanische Luft führte ungeheure Regenmassen mit sich. In der Zeit vom 28. Januar bis zum 26. Februar wurde in Herford nur ein regenfreier Tag verzeichnet: der 14. Februar - heute auch als Valentinstag bekannt.

An vielen Tagen kam reichlich Nass vom Himmel. So zum Beispiel am 5. Februar 42,3 Millimeter, am 9. Februar gigantische 136,8 Millimeter. Der städtische Verwaltungsbericht beschreibt die Folgen nüchtern: Die noch in der Werre lagernden Trümmer der durch Fliegerangriffe zerstörten Eisenbahnbrücke Herford-Altenbeken verhinderten zudem den Wasserabfluss erheblich und führten oberhalb des Eisenbahndamms zu einem gewaltigen Aufstau.

Er reichte bis an die Schienenoberkante. Durch den Druck der rund 1,5 Millionen Kubikmeter aufgestauten Wassermassen brach der Bahndamm am Morgen des 9. Februars an vier Stellen. Mit gewaltigem Druck ergossen sich die Wassermassen ins tiefer liegende Stadtgebiet. Dabei richteten sie verheerende Schäden an den Häusern und den Ufern an.

Betroffen waren besonders die Neustadt, das Siedlungsgebiet am oberen Werrelauf, ein Teil der Altstadt, der Radewig, sowie das dicht besiedelte Gebiet am Unterlauf der Werre. Auch die Brunnen und Pumpwerke zur Trinkwasserversorgung wurden durch die Überflutung gefährdet.

Unglücklicherweise fiel die Hochwasserwelle der Aa - sonst für gewöhnlich vier bis sechs Stunden früher als die der Werre - zeitlich mit ihr zusammen. Das ganze Ausmaß der Katastrophe zeigte sich, als das Wasser einige Tage später komplett abgeflossen war.

Die sandreiche Werre hinterließ eine dicke Lehmschicht in den Gebäuden, die meisten Brücken waren beschädigt, die Wehre und Deiche reparaturbedürftig. Der Gasometer an der Werrestraße musste wegen Unterspülung abgebaut werden. An vielen Häusern waren große Schäden entstanden.

Das verheerende Hochwasser löste eine intensive Diskussion aus. Haupterkenntnis: "Im 1.400 Quadratkilometer großen Niederschlagsgebiet der Werre kann die Hochwassergefahr nur durch den Bau mehrerer Rückhaltebecken gemindert werden." Um den Bau kümmerte sich der 1972 gegründete Werre-Wasserverband.


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